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Europa erlesen Böhmerwald
Herausgegeben von Norbert Schreiber


Inhalt
Rainer Maria Rilke Gott war guter Laune Andreas Hartauer Tief drin im Böhmerwald - Böhmerwaldlied August Sieghardt Lied vom „Böhmerwald" Rudolf Kubitschek “Waitla“ und “Woid“ Bernhard Grueber/ Adalbert Müller Der bayrische Wald August Strindberg Es grüßt mich der Gekreuzigte Adalbert Stifter Im Kleinsten die Größe der Allmacht Arnold Stadler Adalbert Stifter: Das Naturell Johann Wolfgang von Goethe Von Karlsbad bis auf den Brenner Josef Wenzig - Johann Krejč Natur und Mensch Adalbert Stifter Es war einmal ein König Erich Kästner Die Bäume Alois Jirásek Von den Choden Heinrich Heine Frühling Joseph von Eichendorff Was wisset Ihr dunkle Wipfel Marita Haller Auf den Spuren der Kelten in Südböhmen Ludwig Uhland Schildeis Fragment Ingeborg Bachmann Böhmen liegt am Meer Hans Jörg Schmidt Was weiß der Durchschnittsdeutsche über die Tschechen? Agáta Dinzl-Rybárová Literatur in Böhmen Tkadlecek Streit des Liebhabers mit dem Unglück Hermann Claudius Der Ackermann und der Tod Jiří Gruša Šumava Rauschwald Ivo Kareš Was ist Böhmerwaldliteratur? Gerold Dvoŗak Karl Klostermann und Adalbert Stifter – Dichter der Wildnis Karel Klostermann Die Brust der Mutter Gottes Peter Moraw Die Hussitenbewegungen 1419-1437 Richard Friedenthal Der Tod des Ketzers Jan Hus Eva Priester Die Hussiten und ihre Zeit Lörinc Kovai Der Feuerkelch Nikolaus Lenau Ziska - Žižka Franz Joseph Bronner Über die Bevölkerung des Waldes „Doss seyn mer Bühmische Dörffer“ Jan Vobr Zelníky - Sauerkrautplätzchen Eduard Möricke Mozart auf der Reise nach Prag Johann Kaspar Riesbeck Briefe eines reisenden Franzosen Sepp Paukner Der Waldler Dialektformen Mundart im Böhmerwald Gerlinde Kroiss Schwammasuppn mit Mehlnockerl Thomas Weber Salztransporte Martina Winter - Evi Hasenkopf Ja s’Glos und s’Holz Max Freiherr von Schnurbein Theresienthal Jitka Lněničková Böhmisches Glas im 20. Jahrhundert Brüder Grimm Der Krämer und die Maus Volkssage „Durandl“ - der Glashüttengeist Fritz Hudler Der Glasmacherort Eleonorenhain Martina Winter - Evi Hasenkopf Mei Bayerwoid Hermann Hesse Bäume sind Heiligtümer Otto Sendtner Hochwald Heinrich Heine Wandere! August Sieghardt Urwaldberg Falkenstein und Höllbachgespreng Marita Haller Die alte Eibe Uschi Rheinheimer Glaslfleisch vom Scheuereck Christian Fischer Die Fee vom Falkenstein Anton Pech Beim Waldhirten Josef Wenzig - Johann Krejč Bär tot! Wolfgang Scherzinger Von Wölfen und Luchsen J Johannes Urzidil Morgen fahr’ ich heim Karel Klostermann Die Moldauquelle Bohumil Hrabal Böhmerwald-Musiker Johann Ludwig) Wilhelm Müller Die Prager Musikantenbraut Marita Haller Schwarzenberger Schwemmkanal Rosa Tahedl Zäune und Sperren Bertolt Brecht Was sind das für Zeiten? Norbert Schreiber Ein Stück Stacheldraht Mühlhiasl Der Seher vom Rabenstein - Prophezeiungen Sylvia Weber Bayerisch-Böhmischer Sterz Heinrich Heine Herbst Eugen Roth Ein Brief aus dem Bayerischen Wald Marianne Wintersteiner Die Leute von Buchenau Marita Haller Wie man sich bettet… Karel Klostermann Weihnachten unterm Schnee Anneliese Strassner „Buchty“ Hefeteigtaschen mit Pflaumenmus aus dem Forsthausstüberl Heinrich Heine Winter Adalbert Stifter Winterstürme Johann Wolfgang von Goethe Über allen Gipfeln Totenbretterverse aus dem Zwieseler Winkel Georg Britting Der Böhmische Wald Das Bayerwald-Lied Mir san vom Woid dahoam Volksweisheit aus Böhmen Allein ist allein, am besten ist's daheim Nachwort Quellenverzeichnis

Zu Besuch im Bayerischen Wald - Region Arberland

http://www.youtube.com/watch?v=HFux-n-vWYE  

Rainer Maria Rilke

(*1875 Prag †1926 Valmont bei Montreux)

Gott war guter Laune

…Gott war guter Laune. Geizen
ist doch wohl nicht seine Art;
und er lächelte: da ward
Böhmen, reich an tausend Reizen.

Wie erstarrtes Licht liegt Weizen
zwischen Bergen, waldbehaart,
und der Baum, den dichtgeschart
Früchte drücken, fordert Spreizen.

Gott gab Hütten; voll von Schafen
Ställe; und der Dirne klafft
vor Gesundheit fast das Mieder.

Gab den Burschen all, den braven,
in die raue Faust die Kraft,
in das Herz - die Heimatlieder.

Unterwegs im tschechischen Teil des Böhmerwaldes

http://www.youtube.com/watch?v=aZyXbYAX29U   

Nachwort des Herausgebers

Norbert Schreiber

Das „Grüne Dach Europas“ wölbt sich schützend über der Dreiländer-Region Bayerischer Wald, Böhmerwald und Mühlviertel und eint auf natürliche, wilde Art und Weise ein Waldviertel zwischen Deutschland, Österreich und Tschechien, in dem die Menschen Jahrhunderte lang gegen die Natur ankämpfen mussten, um zu überleben. Sie suchten Schutz vor der Natur. Heute ist es umgekehrt, es schützt der Mensch die letzten Wald- und Urwaldreservate und eine der schönsten Naturlandschaften Europas: dichte Wälder, soweit das Auge reicht, massive Granitberge, Gipfel in Schnee und Eis, gewitterwolkenumhangen oder sonnenbestrahlt mit garantierter Fernsicht, tiefgrüne Seen und ewig grüne Wiesentäler, reißende Flüsse, kalte Bergbäche, Forellenteiche, geheimnisvolle Hochmoore. Natur pur, wild und ursprünglich, erholsam, und die Kraft des Menschen zugleich fordernd.

Holz, Glas, natürliche Wälder und die Musik aus Böhmen sind die „Rohstoffe“ dieser von Adalbert Stifter geliebten und so malerisch beschriebenen Landschaft.

Hier trennte einst der „Eiserne Vorhang“ willkürlich nach politischen Systemen, was heute nach der Wende als Ökosystem und neue Nachbarschaft wieder zusammenwächst.

Ob widerständige Kämpfer in den Glaubenskriegen oder machtbewusste Eroberer, wandernde fromme Mönche oder Handel treibende Salzhändler, die künischen Bauern oder die fleißigen Glasmacherfamilien, die reichen Holzhändler und armen Reisemusikanten, sie alle schufen in der Geschichte dieser Region natürlich gewachsene menschliche Verbindungen, an die trotz der schlechten Erfahrungen in gemeinsamer Geschichte in den Kriegen und danach im Frieden jetzt wieder angeknüpft werden kann.

Der Böhmerwald und der Bayerische Wald verschmelzen zu „grenzenloser“ Natur, in der sich Tschechen und Deutsche unbefangener begegnen können als je zuvor in den vergangenen Zeiten an den politischen Verhandlungstischen möglich war, als Zaun und Stacheldraht, Wachtürme und Grenzkontrollen den politischen Blick versperrten. Der wieder angesiedelte Luchs und die streunenden Wölfe, die schweren Unwetter und der böhmische Wind, Orkane und Schneekatastrophen kennen keine Grenzen. Sie bahnen sich ihren Weg genauso frei und unberechenbar wie das beständige monatelange Hoch mit weißblauem Bayernhimmel oder der goldene Herbst, die hüpfenden Melodien der böhmischen Musik, die mit den Menschen und ihren Instrumenten, ihren Stimmen und Reimen sich frei und ungezwungen entfalten und immer einen Raum und Zuhörer finden - und sei es in freier Natur.

Und auch in den Kochtöpfen, der Küchensprache und in Rezepten herrscht mehr Gemeinsamkeit als Trennendes, auf die der Bayerwäldler mit dem Böhmerwäldler am europäischen Stammtisch gemeinsam mit exzellentem Pils oder gut gebrautem bayerischen Bier anstoßen kann.

Auch die Literatur, altbekannt oder neu entdeckt, knüpft ein einigendes Band zwischen Böhmen und Bayern, zwischen Tschechen und Deutschen, wie dieser Band von „Europa erlesen“ beweist, der auf den Höhen wie im Tal, auf dem Gipfel oder am Flussufer unter einem Baum seine Vielfalt am besten „entblättert“

In der Stadtbücherei Zwiesel, die für dieses Buch durch ihr vielseitiges Sortiment über 1.500 Jahre im Verhältnis Bayern-Böhmen manches Thema angeregt hat, stehen deutsche und tschechische Bücher ohne Ressentiments nebeneinander. Bücher sind meist die friedlichsten Werkzeuge der Menschen.
 
Norbert Schreiber (Hg.): Böhmerwald - Ein Lesebändchen
248 S., geb., Prägedruck, A6, Wieser Verlag, Klagenfurt 2007, ISBN 13 978-3-85129-683-9, €12,95


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Rezension SÜDDEUTSCHE ZEITUNG


Die Reihe „Europa erlesen" des Wieser-Verlages umfaßt mittlerweilen an die 100 Titel. Als jüngster Titel ist nun ein Bänd­chen über den Böhmerwald erschienen. In ihm sind Texte von mehr als siebzig Autoren vereinigt - keineswegs nur aus dem Böhmerwald stammende Autoren wie Adalbert Stifter, Andreas Hartauer, Rudolf Kubitschek und Karl Klostermann, sondern auch Texte z.B. von Johann Wolfgang von Goethe, Rainer Maria Rilke, Erich Kästner, Heinrich Heine, Joseph von Eichendorff, Ingeborg Bach­mann u.a., und von tschechischen Auto­ren wie z.B. Bohumil Hrabal, Jifi Grusa oder Ivo Kares. Es ist ein Vergnügen, in diesem Bändchen zu blättern und zu lesen, und diese deutschböhmische Landschaft mit den Augen und Sinnen vieler ganz unterschiedlicher Autoren kennenzulernen. Man muß auch nicht durchgehend lesen, sondern kann sich darin je nach Geschmack und Laune einzelne SÜDDEUTSCHE ZEITUNG  ... Der von Norbert Schreiber zusammengestellten Anthologie über den Böhmerwald ist also das Misstrauen gegenüber derartigen schriftstellerischen Zeugnissen bereits eingepflanzt. Und dennoch beharrt der Klagenfurter Verleger Lojze Wieser zurecht darauf, dass man, wie er seine Buchreihe nennt, „Europa erlesen” könne, und dies der schönste Weg sei, den Kontinent kennenzulernen.

Die drei „Europa-erlesen”-Bände, die der Wieser Verlag zuletzt herausgegeben hat, haben jeder ein habsburgisches Grenzland zum Thema. Ihnen gelingt, in der Summe einen Mehrwert zu schaffen, weil die drei Eckpunkte Böhmerwald, Collio/Brda und Galizien ein Feld abstecken, in dem zwangsläufig auch die Verhältnisse in den österreichischen und teils auch ungarischen Kernlanden des Habsburgerreiches in den Blick geraten. Zugleich spielen Einflüsse anderer Mächte in allen drei Regionen eine große Rolle. „Ist es unter diesen Umständen verwunderlich, dass wir auf viele Wahrheiten pochen? Wir hatten auch viele zu schwören”, äußert Jiri Grusa stellvertretend.

Aus dem kulturellen Gedächtnis der Böhmerwälder sind die Hussitenkriege nicht wegzudenken. Galizien wiederum ist überhaupt erst nach der ersten polnischen Teilung geschaffen worden, der Region fehlt jegliche einigende Erfahrung. Nebeneinander her lebten Juden, Polen, Ukrainer und Deutsche, hinzu kamen kleinere Gruppen: Armenier, Ungarn, Slowaken, Huzulen . . . Karl Markus Gauß und Martin Pollack haben für ihren wiederaufgelegten Band „Das reiche Land der armen Leute” längere Textpassagen ausgewählt, um ihren Lesern diese Kulturlandschaft zu erschließen. Eine Kleinteiligkeit, wie sie sich in den beiden anderen Bänden zu einem Mosaik fügt, findet hier mangels einer prägenden Kultur keine Basis, auf der sich ein Bild zusammensetzen ließe. Gauß und Pollack schaffen eine solche erst, mit Hilfe der Werke von Bruno Schulz oder des wieder zu entdeckenden Wenzel Cäsar Messenhauser.

Das kleinste und von daher auch recht einheitliche Gebiet sind der Collio und die Brda – aber auch das an einer Grenze gelegen, halb in Italien, halb in Slowenien, mit Einflüssen der lateinischen, der slawischen und der deutschen Sprache und Kultur. In seiner Literatur hat die Kulinarik und vor allem der Wein einen festen Platz. STEFAN FISCHER

NORBERT SCHREIBER (Hrsg.): Europa erlesen – Böhmerwald. Wieser Verlag, Klagenfurt 2007. 248 Seiten, 12,95 Euro.

HANS KITZMÜLLER, LOJZE WIESER (Hrsg.): Europa erlesen – Collio/Brda. Wieser Verlag, Klagenfurt 2007. 286 Seiten, 12,95 Euro.

KARL MARKUS GAUSS, MARTIN POLLACK (Hrsg.): Europa erlesen – Das reiche Land der armen Leute. Wieser Verlag, Klagenfurt 2007. 302 Seiten, 12,95 Euro.
Buchpräsentation in Buchenau PASSAUER NEUE PRESSE
Eine Autorenlesung anlässlich des 200. Geburtstags von Adalbert Stifter lockte zahlreiche Zuhörer in die historische Theresienthaler Glashütte.Büchner-Preisträger Arnold Stadler aus dem südbadischen Rast und Norbert Schreiber vom Hessischen Rundfunk ließen dabei das facettenreiche Leben des großen Böhmerwalddichters Adalbert Stifter Revue passieren. Musikalisch umrahmt wurde der literarische Abend von der Zwieseler Stammtisch-Musi und von den Lindberger Volkssängerinnen Evi Hasenkopf und Martina Winter. Als Veranstalter zeichnete die Wald-Vereins-Sektion Lindberg unter der Regie von Vorstand Günther Hannes verantwortlich. In seiner Begrüßungsansprache stellte Hannes die langjährige Freundschaft mit Norbert Schreiber heraus und dankte ihm für das Zustandekommen dieser literarischen Veranstaltung. Dank sagte der Lindberger Wald-Vereins-Chef auch Betriebsleiter Max Hannes für die Bereitstellung der Glashütte als Veranstaltungsraum.

Für den Buch-Autor Arnold Stadler war Adalbert Stifter prägend, seit er 13-jährig dessen Roman „Nachsommer” las. Und gerade dieses literarische Werk war in erster Linie für ihn ausschlaggebend, das Buch „Mein Stifter” zu schreiben. Es ist daraus eine ausgezeichnete Biographie geworden, in der Arnold Stadler seine ganze Verehrung und Bewunderung für den großen Böhmerwalddichter zum Ausdruck bringt.
Arnold Stadler versucht dabei, das bewegte Leben des Leinenhändlersohnes aus Oberplan darzustellen, der nach dem Gymnasiumbesuch bei den Benediktinern in Kremsmünster in Wien studierte und später dort als freier Schriftsteller und Maler sein Brot verdiente. In Linz erhielt Stifter 1848 eine staatliche Anstellung; er wurde zum Volksschulinspektor für Oberösterreich ernannt und bekam den Titel eines k.k. Schulrates zuerkannt. Stifter, der gutes Essen und Trinken zu schätzen wusste, erkrankte in der Folge an Leberzirrhose. 1868, so ist überliefert, stirbt er an den Folgen eines Selbstmordversuches mit dem Rasiermesser. In Arnold Stadlers „Mein Stifter” ist der dramatische Lebensweg des großen Erzählers und Dichters abgehandelt. Mit Auszügen aus seinem Werk verstand es der Autor, die aufmerksamen Zuhörer zu fesseln. Fachkundig agierte dabei Norbert Schreiber, der Rundfunk-Journalist aus Hessen, der den Literaturabend einfühlsam und mit viel Übersicht moderierte und der abschließend auch noch ein aufschlussreiches Interview über die Theresienthaler Glashüttengeschichte mit Betriebsleiter Max Hannes führte In Arnold Stadlers „Mein Stifter” ist der dramatische Lebensweg des großen Erzählers und Dichters abgehandelt. Mit Auszügen aus seinem Werk verstand es der Autor, die aufmerksamen Zuhörer zu fesseln. Fachkundig agierte dabei Norbert Schreiber, der Rundfunk-Journalist aus Hessen, der den Literaturabend einfühlsam und mit viel Übersicht moderierte und der abschließend auch noch ein aufschlussreiches Interview über die Theresienthaler Glashüttengeschichte mit Betriebsleiter Max Hannes führte Fazit: Dieser Literaturabend in der Theresienthaler Glashütte war eine gelungene Vergegenwärtigung Adalbert Stifter anlässlich seines 200. Geburtstages und eröffnete teilweise neue Blicke auf das Leben des Dichterfürsten. Arnold Stadler hat ihm mit seinem Buch „Mein Stifter” ein bemerkenswertes Denkmal gesetzt.
Großartig bereichert wurde der Abend von zwei Glasmachern, die ihre Kunst im Umgang mit der zähflüssigen Glasmasse demonstrierten und herrliche Pokale und Krüge anfertigten. Mit großformatigen Siebdruck-Porträts von Adalbert Stifter, die der Zwieseler Künstler Nikolaus Kainz angefertigt hatte und die man vor der Glasmacher-Arbeitsbühne postiert hatte, war der Dichterfürst allgegenwärtig. Seitwärts davon erinnerte ein Böhmerwaldhaus, das die Wald-Vereins-Mitglieder Xaver Raith und Josef Schreiner angefertigt und aufgestellt hatten, an die Dichterheimat von Adalbert Stifter. Erwin Steckbauer

Eduard Möricke
(*1804 Ludwigsburg  1875 Stuttgart)
Mozart auf der Reise nach Prag


Im Herbst des Jahres 1787 unternahm Mozart in Begleitung seiner Frau eine Reise nach Prag, um „Don Juan“ daselbst zur Aufführung zu bringen. Am dritten Reisetag, dem vierzehnten September, gegen elf Uhr morgens, fuhr das wohlgelaunte Ehepaar, noch nicht viel über dreißig Stunden Wegs von Wien entfernt, in nordwestlicher Richtung jenseits vom Mannhardsberg und der deutschen Thaya bei Schrems, wo man das schöne Mährische Gebirg bald vollends überstiegen hat… Man war eine sanft ansteigende Höhe zwischen fruchtbaren Feldern, welche hie und da die ausgedehnte Waldung unterbrachen, gemachsam hinauf und jetzt am Waldsaum angekommen. „Durch wieviel Wälder“, sagte Mozart, „sind wir nicht heute, gestern und ehegestern schon passiert! - Ich dachte nichts dabei, geschweige, dass mir eingefallen wäre, den Fuß hineinzusetzen. Wir steigen einmal aus da, Herzenskind“... Sie stiegen Arm in Arm über den Graben an der Straße und sofort tiefer in die Tannendunkelheit hinein, die, sehr bald bis zur Finsternis verdichtet, nur hin und wieder von einem Streifen Sonne auf sammetnem Moosboden grell durchbrochen ward… „Gott, welche Herrlichkeit!“, rief er, an den hohen Stämmen hinaufblickend, aus: „Man ist als wie in einer Kirche! Mir deucht, ich war niemals in einem Wald, und besinne mich jetzt erst, was es doch heißt, ein ganzes Volk von Bäumen beieinander! Keine Menschenhand hat sie gepflanzt, sind alle selbst gekommen und stehen so, nur eben, weil es lustig ist, beisammen, wohnen und wirtschaften. Siehst du, mit jungen Jahren fuhr ich doch in halb Europa hin und her, habe die Alpen gesehen und das Meer, das Größeste und Schönste, was erschaffen ist: Jetzt steht von ungefähr der Gimpel in einem ordinären Tannenwald an der böhmischen Grenze, verwundert und verzückt, dass solches Wesen irgend existiert, nicht etwa nur so una finzione de poeti ist, wie ihre Nymphen, Faune und dergleichen mehr, auch kein Komödienwald, nein aus dem Erdboden herausgewachsen, von Feuchtigkeit und Wärmelicht der Sonne groß gezogen! Hier ist zu Haus der Hirsch mit seinem wundersamen zackigen Gestäude auf der Stirn, das possierliche Eichhorn, der Auerhahn, der Häher.“

Ingeborg Bachmann
(*1926 Klagenfurt †1973 Rom
)  
Böhmen liegt am Meer    

Sind hierorts Häuser grün,
tret ich noch in ein Haus.
Sind hier die Brücken heil,
geh ich auf gutem Grund.
Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren,
verlier ich sie hier gern.
Bin ich's nicht, ist es einer,
der ist so gut wie ich.
Grenzt hier ein Wort an mich,
so lass ich's grenzen.
Liegt Böhmen noch am Meer,
glaub ich den Meeren wieder.
Und glaub ich noch ans Meer,
so hoffe ich auf Land.
Bin ich's, so ist's ein jeder,
der ist soviel wie ich.
Ich will nichts mehr für mich.
Ich will zugrunde gehn.
Zugrund das heißt zum Meer,
dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet,
wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt,
und ich bin unverloren.
Kommt her, ihr Böhmen alle,
Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe unverankert.
Wollt ihr nicht böhmisch sein,
Illyrer, Veroneser, und Venezianer alle.
Spielt die Komödien, die lachen machen
Und die zum Weinen sind.
Und irrt euch hundertmal,
wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.
Wie Böhmen sie bestand
und eines schönen Tags ans Meer begnadigt wurde
und jetzt am Wasser liegt.
Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,
ich grenz, wie wenig auch an alles inner mehr,
ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,
begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen.

Karel Klostermann
(*1848 Haag am Hausruck †1923 Štĕkeň)
Die Moldauquelle


Will man von Buchwald aus die Moldauquelle besuchen, so führt der Weg über welliges, heute meist von jungem Anflug bedecktes Terrain. Die Quelle selbst liegt in einer filzigen Niederung. Die kleine Vertiefung, worin die Quelle entspringt, ist jetzt eingemauert; eine Zeit, als hier der böhmische Forstverein seine Jahresversammlung abhielt. Bis zum Jahre 1870 lag sie tief drinnen versteckt in schier undurchdringlichem Urwald. Eine Riesenfichte stand unmittelbar am Rande der Quelle, wohl zwanzig Klafter hoch, mit einem Stamm, der mindestens vier Schuh im Durchmesser hatte. Sie stand da an der Wiege unseres typischen Stromes wie ein Wächter aus uralten Zeiten, den Stürmen trotzend, den Blitz herausfordernd. Um ihn herum standen sie dicht gedrängt, die hundertjährigen Genossen, sie erlagen alle dem winzigen Insekt, das hier furchtbar gehaust, gewaltige Riesen den nichtigsten Pygmäen. Ist das nicht ein Omen?
Vor vielen Jahren kam ich an dieser Stelle mit einem alten Pfarrer aus einem entfernten Böhmerwalddorfe zusammen. Er war so lustig, der alte, liebe Herr, und erzählte mir so schnurrige Geschichtchen aus seinem Seelsorgerleben, und wieder so traurige, dass ich mich bald vor Lachen schüttelte, bald zu Tränen gerührt war. Er war so ganz eins mit seinen Pfarrkindern; es war rührend und erhebend, ihn zu hören. Mir wird immer so hart ums Herz, wenn oft Leute, die das Leben bei uns so wenig kennen, so gedankenlos losziehen auf unsere Geistlichen. Fürwahr, die leidige Politik treibt bisweilen hässliche Blasen! Oder ist es etwa leicht, im Eis und Schnee des Winters, in den Stürmen und Regenschauern des Frühjahrs, wo hundert Bäche den Weg kreuzen und denselben in einen moorigen Tümpel verwandeln, stundenweit zu gehen, um einem Sterbenden den letzten Trost zu bringen? Dabei jahraus, jahrein in den einsamen Dörfern wohnen müssen, ohne den anregenden Umgang mit Gleichgebildeten? Kennt ihr die Bedürfnisse des Volkes, ihr, die ihr so hart absprechet, kennt ihr sie besser als diejenigen, die unter ihm wohnen, die alle seine Freuden und Leiden teilen? Ist es etwa ein Verbrechen, wenn ein Diener der Religion dieselbe Religion hochhält? Welchen Ersatz werden die bestgemeinten philosophischen und politischen Theorien dem armen Volke geben für den Trost, den die Religion und ihre Diener den Bedrängten spenden? Die Natur ist rau und kennt keine Barmherzigkeit; der Mensch, der hier oben leben will, muss schwer ringen im Kampfe ums Dasein, damit er bestehe...

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