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Günter Grass war bei der SS - ein spätes Buch-Geständnis

Und sagte kein einziges Wort – jahrelang – und nun fühlt er sich vom Medienecho zur Unperson gemacht. Grass fordert von den Kommentatoren das Buch genau zu lesen, wir haben es getan aber reden dürfen wir ja erst Anfang Septemberr darüber, dann wenn der Steidl-Verlag in Berlin zum Erstverkaufstag und zur Programmpremiere im Berliner Ensemble die Blechtrommel rührt und erneut das Zwiebelgericht auftischt. 

Die Medienreaktion ist positiv wie negativ gewaltig und Grass vermeidet es im Augenblick weitere Kommentare abzugeben. Könnte gut sein, dass er seine Einsilbigkeit bei Ullrich Wickert in der neuen Buchsendung aufgibt. Denn Grass weiß selbst als Handwerker am besten, klappern gehört dazu, dass sich die Bundeskanzlerin nicht äußert wird er verschmerzen.

 „Ich schwieg“ sagt Grass, wenngleich nun in der Presse wortreich daherkommt, was schon einmal von einem rechten Außenseiter und SS-Mitglied Schönhuber auf den Buchmarkt geworfen wurde, mit dem Buchtitel ICH WAR DABEI. Und nun also das Eingeständnis von links, das 61 Jahre nach dem Krieg im Jahre 85 des streitbaren GG längst hätte öffentlich eingestanden werden können. Aber Biographien haben es nun einmal an sich, erst zum Lebensende hin zu erscheinen. Aber sagen sie uns immer die Wahrheit: selbst Grass gesteht Im FAZ-Interview und auch im Buch ein: wir beschönigen, wir dramatisieren, wir sprechen und schreiben in Anekdoten, nicht auf Wahrheitspolstern gebettet. Darf ein Moralist sich irren, wenn er falsch handelt, jawohl, wenn er es mit der Wahrheit ernst nimmt und die Karten auf den Tisch legt. Fast hat man den Eindruck Grass kokettiert immer noch mit den Einzelheiten, über die sich jetzt so schwer reden lässt, so lange Sperrfristen es verbieten. Bei der Waffen SS waren vor Kriegsende fast 900 000 Millionen Menschen. Auch ihnen bleibt der Makel. Dass er sich freiwillig meldete zu den U-Booten und bei der SS- landete teilt er mit vielen anderen Deutschen. Ob es Untaten gab, werden Historiker zu prüfen haben. 

Einstweilen werden der Worte genug gewechselt zwischen Ich steh Dir bei- Statements von Schriftstellern, Historikern und Hysterikern, die im Medienhype wieder vorverurteilen bevor die Buch-Kapitel Wort für Wort in der Öffentlichkeit sind. Redet nicht so viel über Grass meinte eine Pressedame eines großen Frankfurter Verlages, das ist genau das was Grass will. So funktioniert die Selbsterregungsgesellschaft, die sicher wie das Amen in der Kirche in einem Vierteljahr vergessen haben wird, was sich gerade abspielt. Trennen wir die Person, den Schriftsteller und den Moralisten. Als Mensch ist Grass zu loben, weil er offen ausspricht, dass auch er dem Faszinosum Hitler erlegen war. Auch Schriftsteller-Kollegen wie Erich Loest haben das allerdings frühzeitiger bekannt. Der Schriftsteller und sein Werk werden wohl kaum beschädigt werden.

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Porträt Konstantin Wecker -

Die Kunst oder Gunst des Scheiterns

Konstantin Wecker wollte im Irak einen Krieg verhindern. Ist gescheitert, Wecker der Ewigscheiternde aber Rechtbehalter.

Auch Kriege und amerikanische Präsidenten können scheitern. Aber Wecker will sich von der eigenen Ohnmacht nicht dumm machen lassen. Wecker der Idealist möchte, dass sich die Politik der Poesie beugen wird. Was ist der Stoff aus dem seine Töne, Texte und Träume sind? Ich bin zum Bänkelsänger geboren, sagt Wecker über sich. Vagabund, Räuber, Sexfilmdarsteller. Knastbruder, Studien-Abbrecher in Musikwissenschaft, Psychologie, Germanistik.

Wecker eben der Sprunghafte. Konstantin der Große sagt über sich, er sei ein miserabler Geschäftsmann. Er kaufte sich einen bodenlangen Nerzmantel, fuhr im goldenen Firebird davon, öffnet ein Szenelokal, das Kaffee Giesing häuft drei Millionen Mark Schulden an, macht pleite, nimmt Drogen, wird wegen Kokainmißbrauchs verhaftet. Wecker empfindet die ewige Sehnsucht nach dem ganz anderen...

Georg Trakl geprägt, von der Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. Ja, das hätte ihm genügt das Leben in Freiheit verbringen, allein der Poesie, der Schönheit des Lebens und der Musik dienend: ER liebt die Melodie mehr als Rhythmus -

Wecker Toskana-Fan, der Bänkelsänger, Songwriter, Klavierrocker. Wecker, der verhinderte Operntenor. Konstantin Wecker schreibt Musicals, Filmmusiken, rockt gegen rechts, bekommt den deutschen Kleinkunstpreis, scheibenwischert, wirkt besessen und befreit zugleich. Aus seinem Privatarchiv gibt er mir bei einem Interview einen Privat-Mitschnitt. Wecker vor dem Stimmbruch:Wecker begreift das Leben als eine Kette von Niederlagen

Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern sagt Samuel Beckett. Dieses Motto stellt Wecker seinem Buch DIE KUNSTDES SCHEITERNS vorweg. Dennoch Wecker ist und bleibt auch der erfolgreiche  Promigutmensch

Konstantin Wecker Die Kunst des Scheiterns Piper Verlag München 2009

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Wolfgang Kraushaar 68 Eine Bilanz
Propyläen

Für Joschka Fischer war die 68er Bewegung eine "Freiheitsrevolte." Für den Politologen Claus Leggewie, eine "glücklich gescheiterte Revolution", Alt-Kanzler Helmut Schmidt schimpft: "das war eine Massenpsychose." Der Politologe Richard Löwenthal empfand den Aufruhr als "romantischen Rückfall" und der Soziologe Raymond Aron reduzierte den Protest auf "Karneval". Keine Generation ist so facettenreich analysiert worden wie die "68er". Für Wolfgang Kraushaar handelt es um einen "ambivalenten Ereigniszusammenhang". Für Wolfgang Kraushaar war das Aufbegehren einer ganzen Generation keine "nationale Revolution" – vielmehr eher eine Jugendrevolte mit der Tendenz zum verkappten Nationalismus. Kraushaar behauptet: die revolutionäre Machtergreifung war eine Fiktion, in Wirklichkeit hatte die Bewegung Ausformungen totalitären Größenwahns? Kraushaar legt viele Daten und Fakten vor. In seinem Buch überzeugt Kraushaar durch die schlüssige Aufteilung der Kapitel vom Kulturkampf und der Sprachverwirrung, den 68er Mythen, den Kampagnen, der Sektenbewegung bis hin zur Revolutionsromantik, die in der Bewegung steckte. Kraushaar hat ein sehr differenziertes, umfangreiches faktenorientiertes Buch vorgelegt. Die Studentenrevolte splittert sich am Ende auf in: Polit- und Psychosekten - die Bürgerinitiativbewegung, Terrorgruppen und sogenannte Bewegungsfermente (Kraushaar), die neue Frauenbewegung - die Ökologiebewegung und in eine neue Partei: Die Grünen. Sein Fazit: "68" öffnete die Türen zu einer subjektbestimmten Modernität der Gesellschaft einerseits und zum TERRORISMUS andererseits.
Kraushaar bietet: das "Doppelgesicht" der 68er.

Peter Schneider
Mein 68
Kiepenheuer und Witsch


"68" ja, das war die Zeit, als Papierlampions an den Studentendecken hingen und Bücherregale auf Backsteinen in den WGs aufgerichtet waren, als Lehrer vergaßen, den Nationalsozialismus im Unterricht zu behandeln und "Heintjes Mama" aus den Radios schallte. "Der Muff unter den Talaren im Elfenbeinturm", der Vietnamkrieg im Gang war, die Notstandsgesetze in der Debatte und auf dem Plattenteller Bob Dylan und die Doors ihre Runden drehten. Nur Regelverletzungen schafften es, als mediales Ereignis wahrgenommen zu werden. 1968 da waren Pflastersteine auch Argumente, und die Theoriedebatte produzierte Wortkaskaden, mit denen die ältere Generation nichts anzufangen wusste. Peter Schneider gehörte zum Kern der aufrührerischen Studenten, neben Rudi Dutschke und Bernd Rabehl.

Mit sich und seinen Genossen rechnet er in seinem Buch heftig ab – eine Art Selbstanklage und Selbstkritik. Spannend an diesem Buch: Schneider tritt über seine Tagebuchaufzeichnungen mit sich selbst in einen Dialog und er kommt am Ende jedoch zu der Erkenntnis, nicht die 68er, sondern die nicht rebellierende Mehrheit sei in Erklärungsnot. 68er sein hieß: T-Shirts tragen mit Chefaufdruck, Spiegel lesen und lockersein, bereit zum Happening und scharf auf Popart, Beatles, Stones und Janis Joplin. Phantasie wollte an die Macht: Schneider schrieb zuerst Wahlreden für SPD-Initiativen. In seinem Buch weist er auf die amerikanischen Wurzeln der Bewegung hin, die Befreiung der schwarzen Bevölkerung und Anti-Vietnamaktionen. Es gelingt ihm in dem Buch, den Leser in die innersten Gedankenwelten eines 68ers zu führen, in die Phantasien über Systemveränderung, die Machtwahnvorstellungen, die den einen oder anderen auch auf die Psychiater-Couch brachten. Sein persönliches Fazit: es war eine schöne und schreckliche Zeit. Ein 68er-Lebenslaufbuch, mit Selbstzweifeln und Liebesbeziehungen angereichert.
Das literarische 68er Buch.

Reinhard Mohr
Der diskrete Charme der Rebellion
Ein Leben mit den 68ern
WJS Wolf Jobst Siedler


"Es lebe die Weltrevolution und die daraus entstehende Gesellschaft freier Individuen." So zitiert Reinhard Mohr das Grundbekenntnis der Studenten. Die praktische Umsetzung war verquast: "Der städtische Guerillero ist der Organisator schlechthinniger Irregularität als Destruktion des Systems der repressiven Institutionen." Verstanden? Konkret empfanden sich die Studenten als eine kleine radikale Minderheit und sie wollten das System verändern. Aus der Gewalt gegen Sachen wurde allerdings auch Gewalt gegen Personen, um Veränderungen in der Gesellschaft hervorzurufen. Ganz zuletzt verirrten sich Sektierer dann im Terrorismus. Reinhard Mohr hat Wortwitz, bedient sich der SPIEGEL-Sprache. Überhaupt die Rolle des Mediums, der Kamera, der Presse, der illustrierten Magazine war wichtig, spielte bei 68 als Wirkungsmechanismus eine große Rolle. Das Hauptverdienst der 68er: sie wollten die Zusammenhänge verstehen.

Und heute: die Latte-Machiato-Generation spielt wieder Klavier, geht in die Oper, trägt Tanzkleidchen, ist brav zum Chef und kümmert sich um Karriere und weiß alles vorher schon, kennt nur keine Zusammenhänge mehr und ist komplett a-historisch, nutzt aber gerne die Ergebnisse von 68: Kinderladen, Wohngemeinschaften Stadtteilgruppen, Szenecafés, Zeitungskollektive, legere Klamotten und Alternativblätter - eben die Liberalisierung und Modernisierung von Gesellschaft.

Mohr macht aber auch die Gewaltperspektive der Straftaten auf: Hausfriedensbruch-Nötigung - Beleidigung - Verunglimpfung ausländischer Staatsoberhäupter, Sachbeschädigung, Aufforderung zu Straftaten und Körperverletzung bis hin zum Widerstand gegen die Staatsgewalt.

Dennoch: Mohr empfindet und vermittelt sie auch: Sympathien zu 68, beschäftigt sich aber ebenso mit deren Widersprüchen. Am Ende wandelt sich der Protest dann zum Marsch durch die Institutionen. Und heute? Die 68er lieben wieder Oper und Literatur, forschen als Historiker, schreiben Bücher über Schiller oder sitzen in Rundfunkanstalten oder im Europaparlament. Mohrs Buch zeugt von kritischer Sympathie des Nachgeborenen, er liefert einen spannenden Blick zurück in die Zeit der Söhne und Töchter als "der Protest laufen lernte."

Fazit: Ein journalistischer Zugang zum Thema. Hervorragend formuliert und ausgezeichnet bebildert.

Norbert Frei
1968 Jugendrevolte und globaler Protest
dtv


Norbert Frei`s 68er-Analyse ist sachlich und historisch. Seine Analyse-Ausgangslage: Der globale Protest, im Osten wie im Westen - in den USA die Befreiungsbewegungen der schwarzen Bevölkerung, die unruhigen Universitäten und Sponti-Künstler, der tobende Vietnamkrieg und die wachsende Kapitalismuskritik weltweit. Und in Deutschland sind die Wurzeln der Protestbewegung: die autoritären Strukturen in den Institutionen – Kritik an der NS-Generation, die Notstandsgesetze, Pressekonzentration, der Springer-Konzern, Medienmanipulation durch BILD, Beat-Musik, Sex, Drugs and Rockn‘ roll und der Tod von Benno Ohnesorge.

Norbert Frei bietet ein historisches Rundumpanorama der 68er, deren Bewegung lange vor 68 startet. Für den Historiker Norbert Frei ist "68" mehr das Lebensgefühl einer Generation – aber eben weltweit gleich gelagert – Emanzipation, Partizipation und Transparenz in Politik und Gesellschaft das sind die Errungenschaften der Protestgeneration. "Theres a whole Generation with a new explanation, heisst die Liedzeile in ScottMc Kenzies San Francisco-Song. Sein Fazit: Nach 68 war nichts mehr so wie vorher. Die 68er haben Gesicht und Mentalität der Republik nachhaltig verändert. Ein Buch mit internationalem Blickwinkel, klug komponiert, historisch gründlich, dabei nicht staubig und trocken, sondern flott und reportagehaft geschrieben.
Das historisch fundierte Buch zu der 68er-Generation
Meine eigene Schlussfolgerung: 68 war der politische Humus für die folgenden Reformbewegungen weltweit. Die West-Protestler wollten den Umsturz und veränderten nur die VERHÄLTNISSE und der Ost-Protest wollte Veränderung der sozialistischen Verhältnisse erreichte aber mehr: den UMSTURZ." heißt es in Scott Mc. Kenzies San-Francisco-Song 1968 war Erklärung, Veränderung, aber kein Umsturz.

Der Friede war es noch nicht, aber der Krieg war hier aus.
Bücher zum 8. Mai 1945

Aus der Fülle der Buchveröffentlichungen zum 8. Mai greife ich fünf Neuerscheinungen heraus, die sich jeweils von der Darstellungsmethodik komplett unterscheiden und in ihrer eigenen Charakteristik wirken. Da ist zunächst einmal PEN-Präsident Winfried Schoeller, der in seinem Buch DIESE MERKWÜRDIGE ZEIT - LEBEN NACH DER STUNDE NULL in der Edition Büchergilde einen hochinteressanten Sammelband herausgebracht hat, in dem er die authentischsten Texte aus der NEUEN ZEITUNG versammelt hat, die wichtigste Nachkriegszeitung, von den Amerikanern herausgebracht, in der die wichtigsten literarischen Größen der Nachkriegszeit geschrieben haben. Die Namensliste liest sich wie ein Stück Literaturgeschichte Andersch, Brecht, Frisch, Heym, Jaspers, Kästner, Kogon, Mann, Zuckmayer. Ein Forum für Intellektuelle die in dieser Zeitung Alltagserfahrungen, Grundsätzliches mit Tagespolitik mischten und sich in der Nachkriegszeit ein Millionenpublikum eroberten.Ein Buch zum Blättern, Schmökern, Nachlesen, sich einfinden in dieser STUNDE NULL ZEIT – als die Demokraten laufen lernten.

Im zweiten Buch finden wir die Aufzeichnungen eines Rotarmisten erschienen im Aufbau-Verlag Wladimir Gelfand hat in seinem DEUTSCHLAND-TAGEBUCH die Jahre 45/46 dargestellt. Im Frühjahr 1942 hatte er sich zur Roten Armee gemeldet. Das Buch ist besonders hervorzuheben, weil es eine andere Perspektive auf die Kriegs- und Nachkriegszeit eröffnet und beweist, dass Kontakte russischer Soldaten zur Zivilbevölkerung nicht allein in Unterdrückung, Gewalt, Vergewaltigung und Verschleppung mündeten wie Hubertus Knabe es in seinem Buch zum 8.ten Mai zum Tag der von ihm angezweifelten Befreiung so drastisch formuliert hat. In einem Nachwort wird das Leben des Rotarmisten zusammengefasst.

Erfahrungen..als die Freiheit laufen lernte. Ein Buch für Leser, die einen ungewöhnlicheren Zugang zum Thema 8.Mai finden wollen.Egon Bahr hat ein Vorwort zu dem Buch geschrieben, das im jungen Wolf Jobst Siedler Verlag schon vor geraumer Zeit erschienen ist. TAGE DES ÜBERLEBENS BERLIN 1949 von Margret Boveri. Ein journalistischer Frauenblick auf die Nachkriegszeit. Tod, Hunger, Vergewaltigung, Hoffnung, Enttäuschung, Glück, Überleben – es ist eine eindrucksvolle Chronik vom Ende des Reichs und den Tagen des Neubeginns, geschrieben von der bedeutenden politischen Journalistin jener Zeit.Genaue Beobachtung, journalistische Analyse, mit Kritikfaktor. Geschrieben von einer Auslandskorrespondentin, die für die Frankfurter Zeitung in Stockholm, New York und Lissabon gearbeitet hat. Berliner Perspektive auf den 8. Mai – auch für Egon Bahr-Fans geeignet. Schöne ansprechende Buchtitel- und Umschlagsgestaltung

Ebenso bei WOLF JOBST SIEDLER erschienen: BOMBEN, TRÜMMER, LUCKY STRIKES – DIE STUNDE NULL IN MANUSKRIPTEN. Alle Texte wurden 1948 geschrieben und sind Erstveröffentlichungen. Herausgegeben von Peter Kruse. Die Autoren: Schriftsteller, Bürgermeister, Ärzte, Techniker, Journalisten, Trümmerfrauen. Sie berichten vom Untergang bis zum Wiedererwachen einer Stadt. Ein Großstadt-Bild über Berlin - Mit schwarzweiß-Fotos. Der berühmte Kritiker Friedrich Luft fasst es treffend zusammen: Der Friede war es noch nicht, aber der Krieg war hier aus.

Das letzte und fünfte Buch, das ich Ihnen zum 8. Mai empfehlen möchte hat Reportagecharakter und ist im Piper Taschenbuch-Verlag erschienen – OSMAR WHITE. DIE STRASSE DES SIEGERS. Der Autor ist Kriegsreporter- er schließt sich der 3. Armee General Pattons an – er marschiert mit den Amerikanern ins geschlagene Deutschland ein und verfolgt, wie die Sieger mit Besiegten umgehen.Persönliche Beobachtungen - Reflexionen – Fotos inclusive. Eine embedded-Reportage eines Amerikaners.

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Andreas Baader – ein deutscher Terrorist

Andreas Baader, der RAF-Terrorist, Macho mit Wirkung auf Frauen, selbsternannter Revolutionsführer - ohne festen Ideologiehintergrund. Aber strategisch denkend und der Public Relations-Experte der Terroristengruppe. Eine schillernde Figur – ein Staatsfeind – ein Gefängnisinsasse und Selbstmörder. Es ist die erste umfassende Biographie über den unbestrittenen aber umstrittenen Kopf der RAF, der 1943 in München geboren wurde und 1977 in Stammheim Selbstmord beging. Vorgelegt von den beiden Autoren: Klaus Stern – er ist Dokumentarfilmer. Und Jörg Herrmann, er arbeitet als Theologe und Publizist. Die Biografie beschränkt sich auf das Leben des Staatsfeindes: Andreas Baader im Fokus, das Buch will also nicht die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der RAF nacherzählen wie das vielfach und gründlich bereits getan worden ist. Wie neuerdings auch wieder von Wolfgang Kraushaar als Herausgeber in einem zweibändigen Werk mit dem Titel „DIE RAF UND DER LINKE TERRORISMUS".

Zurück zu Baader. Erst nannte er sich antiautoritär, doch dann wirkte er diktatorisch. Andreas Baader, geboren 1943 in München, wurde 1977 wegen vierfachen Mordes und mehrerer Mordversuche zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach der gescheiterten Entführung der »Landshut« auf dem Flughafen in Mogadischu, mit der die Freilassung von 11 RAF-Häftlingen erpresst werden sollte, beging er im Gefängnis Stammheim mit seinen Zellengenossen Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe Selbstmord.

Zitat aus dem Buch: „Der genaue Hergang ist allerdings bis heute im Dunkeln geblieben. So konnte zum Beispiel der Todeszeitpunkt in keinem der drei Fälle bestimmt werden. Die Mediziner wurden einfach zu spät zu den Leichen vorgelassen."Erstmals äußern sich in diesem 400-Seiten Paperback-Buch Zeitzeugen, Menschen aus dem privaten Umfeld Baaders und aus seiner Familie, etwa die Tochter von Andreas Baader und Ello Michel.

Die beiden Autoren haben sich die Arbeit geteilt – im ersten Teil schildert Klaus Stern Kindheit und Jugend des Andreas Baader, seine Zeit in Berlin, die Umstände der Kaufhaus-Brandstiftung bis zur Flucht aus dem Gefängnis und dem Abtauchen in den Untergrund. Jörg Hermann widmet sich im zweiten Teil des Buches den Gefängnisjahren und dem Geiseldrama und die Entführung der Lufthansmaschine „Landshut", die mit der Befreiung der Geiseln in Mogadischu ihr glückliches Ende fand. Das Buch ist eine lebendige Chronik über „Deutschland im Herbst", es beschreibt die politischen Wetterbedingungen jener „bleiernen Zeit" des Terrorismus im eigenen Land.

Die Quellen der Autoren sind neben den Akten des Instituts für Sozialforschung auch Befragungen des unmittelbaren Umkreises von Andreas Baader.

Die längst überfällige Biografie des Andreas Baader und die Geschichte der ersten RAF-Generation, kommt rechtzeitig zum 30. Jahrestag des »Deutschen Herbst« . Mit zahlreichen bisher unbekannten Dokumenten und Fotos. Wir finden in dem Buch abgedruckt Briefe aus dem Gefängnis, Instruktionskassiber und auch Liebesbotschaften zwischen Andreas Baader und Ello Michel, seiner Geliebten, sie wurden den Autoren zugänglich gemacht. Zitat: „Er wurde gehasst oder geliebt, man fand ihn abstoßend oder man mochte ihn." Hinzu kommen zahlreiche bisher unveröffentlichte Fotos aus den Kinder- und Jugendtagen wie aus Untergrund und Gefängnis.

Wer also war Andreas Baader heißt es im Epilog? „Andreas Baader war von Anfang an umgeben von der Aura der Gewalt. Darin lag und liegt mit Sicherheit ein zentrales Moment seiner Faszination"Fazit der Autoren: „Erstaunlich ist, wie lange die RAF existiert hat, vor allem wie lange sie noch aktiv war, nachdem sich längst gezeigt hatte, daß mit Bomben keine Revolution herbeizuführen war." Eine klare Struktur des Buches, die auch dem Nicht-Zeitgenossen, die Hintergründe und Chronik der laufenden Ereignisse des Terrors erhellt.Ein Buch - übersichtlich gestaltet, Quellenvielfalt bietend und eine höchst interessante Fotodokumentation.

Jörg Herrmann/Klaus Stern
Andreas Baader.
Das Leben eines Staatsfeindes (Broschiert)
dtv-Premium

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100 Jahre Piper-Verlag

Am 19. Mai 2004 wurde der Piper Verlag 100 Jahre alt. Aus diesem Anlass erschien eine umfangreiche und großzügig bebilderte Verlagsgeschichte, die die Münchner Literaturwissenschaftlerin Edda Ziegler geschrieben hat. Der Verlag brachte zudem im Mai 2004 ein optisch ungewöhnlich gestaltetes eigenes Jubiläumsprogramm heraus, das sieben Hardcover-Titel und 22 Taschenbücher umfasst. Über die wichtigsten Stationen des Verlags informiert die folgende kurze Piper-Geschichte.

Norbert Schreiber kommentierte:

Interessiert es einen Leser wirklich, ob ein Buch bei S. FISCHER, Suhrkamp, Rowohlt, Ullstein oder Piper erschienen ist? Die Namenskürzel der Verlage sind meist als Logo auf den Innenseiten der Buchdeckel abgedruckt. Sie sind zwar die Herkunftsbezeichnung für Geistesprodukte, aber was heißt das schon in unübersichtlichen, sinnsuchenden Zeiten. Die Verlage sind doch heute in großen Konzernen untergekommen, der alte Verlegerverlag mit den Patriarchen an der Spitze gehört längst der Vergangenheit an. Und die Kostenkontrolleure und Renditehaie bestimmen häufig genug das Verlagswesen. Wenn ein Verlag wie Piper 100 Jahre alt wird, dann ist natürlich die Verlegergeneration der Pipers zu würdigen, aber doch mehr noch die Geschichte der Bücher, die sie erfolgreich auf den Markt gebracht haben. Es sind Markenprodukte, die eine politische, kulturelle Geschichte dieser Republik geprägt haben. Am 19.Mai 1904 startete der Buchhändler Reinhard Piper seinen Verlag in München, und er wollte Bücher machen, die er selbst gerne lesen würde. Was für ein egoistischer Anspruch, wo doch Medienmacher unserer Tage allerorten behaupten: der Wurm müsse dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Verlegerkollege Samuel Fischer formuliert es pädagogischer: „Dem Publikum neue Werte aufzudrängen, die es nicht will, ist die schönste und wichtigste Mission des Ver-legers.“ Die Geburtsstunde des Kultur- und Publikumsverlages lag also kurz nach der Jahrhundertwende Samuel Fischer, Kurt Wolff, Ernst Rowohlt, die Kippensbergs und Eugen Diederichs, Albert Langen und Georg Müller bestimmten die Gründerjahre. Mit den Liedern auf einer alten Lautete startete der Verlag sein Programm. Mit dem ersten Band DIE DÄMONEN publiziert Piper eine deutsche Dostojewskiausgabe, die zwar zunächst wie Blei in den Regalen liegt, aber langfristig die Dostojewski-Rezeption eingeleitet und durchgesetzt hat, wie die Autorin Edda Ziegler schreibt. Sie lehrt neuere deutsche Literatur an der Universität München und Buchwissenschaft. Sie ist zugleich Begründerin der buchwissenschaftlichen Studiengänge in München und wirkt im Projekt Manuskriptum mit, lehrt also Kreatives Schreiben.

Sie hat sich bereits mit dem Heine-Verleger Julius Campe beschäftigt, Untersuchungen zur Buchgeschichte im 18. 19.und 20. Jahrhundert vorgelegt. Mit einer Heine-Biographie und einem Werk über Theodor Fontane wurde die Autorin bekannt. Es gelingt ihr, eine durchaus farbige Buchgeschichte vorzulegen, sowohl im gut lesbaren Text als auch in der optischen Gestaltung des Buches, das im Klarsichtfolieneinband für Piper überraschend flott daher kommt und einen guten Überblick über das Verlagsgeschehen eines Jahrhunderts gibt. Legendär Pipers Kunstprogramm. Das Buch DER BLAUE REITER herausgegeben von Franz Marc und Wassily Kandinsky schreibt Kunstgeschichte. Piper begründet als Verleger seinen Ruf als Verleger von Gegenwartskunst. Mit Schopenhauer und Buddha wagt Piper sich in den Bereich der Philosophie. Piper verlegt Karl Jaspers, legendär dessen Buch WOHIN TREIBT DIE BUNDESREPUBKIK. Hannah Arend ist im Programm, die Literatin Ingeborg Bachmann. Und damit deutsche Gegenwartsliteratur. Mit Giuseppe Tomasis LEOPARD, der bis heute 700 000 mal verkauft wurde, entdeckt Piper die italienische Literatur  für Deutschland. Aber auch für Bestseller hat der Piper Verlag ein Händchen. Frederik Forsythes DER SCHAKAL macht den Autor weltweit bekannt. 1,7 Millionen Mal wurde bis heute Alexandro Baricos Welterfolge NOVECENTO verkauft. Auch der Titel OCEANO MARE beflügelt die Erfolge des Piperverlags. Ob DIE ACHT TODSÜNDEN DER ZIVILISIERTEN MENSCHHEIT von Konrad Lorenz, Watzlawicks ANLEITUNG ZUM UNGLÜCKLICHSEIN, Nadolnys

ENTDECKUNG DER LANGSAMKEIT oder Lothar Günther Buchheims Kriegsdrama DAS BOOT – in 14 Sprachen übersetzt - drei Millionen verkauft - sind Sellererfolge. Mit Hans Küng hat Piper einen weiteren Erfolgssellerautor mit internationalem Renommee. Mit Yehudi Menuhin und Alfred Brendel erschließt sich auch das Musikleben als verlegerisches Thema. Der Verlag wandelt sich zusehends vom Familienverlag zum Publikumsverlag, gerät aber in das Generationenproblem. Auch bei Piper wird die Erbfolge zum Verlagsproblem, schließlich geht der Familienverlag an die Verlagsgruppe Bonnier. Mit dem letzten großen Publikationserfolg Mit STUPID WHITE MAN von Michael Moore führte Piper monatelang die Sachbuchbestsellerliste an. Zum 100.Geburtstag des Verlags erschien ein eigenes Jubiläumsprogramm mit acht Titeln im Hardcoverbereich und 22 Taschenbüchern in der Serie Piper. Das schön illustrierte Buch, sauber in mehrspaltigem Satz gesetzt, dokumentiert ein Stück Geistes- und Zeitgeschichte dieses Landes, ohne zu aufdringlich von den Erfolgen zu sprechen, ohne die kritische Verlagsentwicklung zu unterdrücken, eine repräsentative Visitenkarten des Verlages, die man gerne annimmt. Es bleibt noch die Eingangsfrage zu beantworten - welcher Leser hat etwas davon? Wer hinter Buchkulissen blicken will, das Entstehen von Büchern gerne begleitet, die Erfolgsbücher des Piperverlages gelesen hat – wer sich für alte Verleger p e r s ö n l i c h k e i t e n  interessiert, wer sich für Irr- und Erfolgswege von Büchern begeistern kann, wer Thoma und Thomasi, Buchheim und Bhudda, Wedekind und Watzlawik gerne verschlingt, wer Literatur, Kunst, Philosophie, Musik vom Entstehungsprozess her begreifen will, sollte diese Verlagsgeschichte in die Hand nehmen. Und frei nach einem Erfolgsbuch bei Piper wollen wir einen weiteren PIPER - Buchtitel auf Sie als Leser übertragen: WAS EINSTEIN SEINEM FRISEUR ERZÄHLTE: wenn sie diese Verlagsgeschichte gelesen haben, dann haben auch sie etwas zu erzählen. Und nicht nur beim Hairstylisten. 

Edda Ziegler
100 Jahre Piper
Piper Verlag 2004

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Beitrag zum Thema Verlagsgründungen

Auf eines kann man sich in der Buchbranche verlassen, die Pressesprecherinnen und - sprecher wechseln manchmal so schnell ihren Job wie die Besitzanteile an einem Verlag die Besitzer wechseln. Dass aber gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zwei Neuverleger mit einem neuen Verlag am Markt antreten, ist außerordentlich ungewöhnlich. Der Unbekanntere heißt Berenberg, der bekanntere Wolf Jobst Siedler junior. 

Der wjs Verlag von Wolf Jobst Siedler will in Zeiten der großen Konzernverlage an die Tradition der kleinen Verlage anknüpfen. Sein Vater hatte vor 20 Jahren in Berlin den renommierten Siedler Verlag gegründet. Der Vater tat es – der Sohn nun auch. Sich ins Risikogeschäft Buchmarkt zu begeben.

„Eigentlich ist daran gedacht....Es ist mehr Hoffnung als Mut"

Von den vier Titeln befassen sich zwei mit dem Kriegsende in Berlin das Buch von Sonja Margolina beschäftigt sich mit dem Thema WODKA- Trinken und Macht in Russland und weil das Malochen am Arbeitsplatz in der globalisierten Welt überall wie selbstverständlich genommen wird, veröffentlicht der Verleger den Titel von Eberhard Straub:“ Vom Nichtstun – leben in einer Welt ohne Arbeit.“

Berenberg will mit dem neuen Verlag das Eigenwillige, Anspruchsvolle vom üblichen abweichende Programm bieten:

O-Ton „Ich mache....Essayes von berühmten Autoren

Die Bücher sind klein handlich – und nicht zu lang. Berenbergs wichtigster Titel setzt sich mit dem Laster auseinander

ZIGARETTE –Leben mit einer verführerischen Geliebten heisst der Titel von Christina Peri Rossi.

Woher holen die beiden Verlagsneugründer den ICH-AG-Mut gegen die großen Buchkonzerne wie etwa Randomhouse anzutreten. 

O-Ton Besser werden die Zeiten sowieso nicht mehr...

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Günther Wessel Die Allendes Campus

Es gibt Familien, deren Namen prägt man sich einfach ein: die Kennedys etwa oder die Allendes. Die Allendes, sagt der Autor Günther Wessel sind die Kennedys Lateinamerika. Salvador Allende – das Symbol für Freiheit und Demokratie in Chile wird 1970 zum Präsidenten gewählt und alle Hoffnungen auf Veränderung, Demokratisierung, Wirtschaftsfortschritt verbinden sich von nun an mit dem Namen Allende. Der demokratische Traum zerplatzt jäh, drei Jahre später, als General Pinochet gegen Allende putscht.

Es ist die Intelligenzija, die in den chilenischen Gefängnissen verschwindet. 3000 Menschen werden umgebracht, 10 000 gefoltert. Das Militär zerbombt den Palast des Präsidenten. In einem Satz von Allendes letzter Rede an sein Volk steht das Kernbekenntnis des aufrechten Demokraten Allende:

„ Die Geschichte gehört uns, sie wird vom Volk gemacht. Eher früher als später werden sich die großen Alleen öffnen, durch die freie Menschen schreiten werden, um eine bessere Gesellschaft zu errichten. Günther Wessel ist Journalist und Autor, er lebt und arbeitet in Washington DC. Er hat in seinem familienbiografischen Buch der Familie Allende ein kleines Denkmal gesetzt – mit Stammbaumgrafik im Inneneinband - mit Literaturteil und Zeittafel. Er beschreibt eine Familie die Geschichte macht – er skizziert den Politiker Allende und seine Vorfahren, er beschreibt die Karriere der Schriftstellerin und Nichte des Politikers Isabel Allende. Revolutionäre Träume und Taten Allendes konfrontiert er mit den Putschereignissen, er zeichnet die Legende und die Opfer nach, berichtet über die Exilsituation der Familie und der Schriftstellerin. Das Schlusskapitel trägt den klaren Titel:„Die Familie wurde total zerstört.“ Das Buch ist eine Familiensaga. Fotos zeigen den brennenden Regierungspalast, den Abtransport der Leiche Allendes, wir sehen Tochter und Nichte des Präsidenten und das geschichtsträchtige Foto Allendes neben seinem Widersacher und Nachfolger Augusto Pinochet: Isabel Allende wird auf einen Schlag weltweit bekannt durch ihren Roman DAS GEISTERHAUS, in dem sie die Konflikte ihres Landes darstellt. Das Geisterhaus wurde ein Welterfolg – in Chile war das Buch dagegen verboten.

Noch heute, am Jahrestag des Putsches – am 11.September – hallen die Schlachtrufe der Studenten durch die Strassen Chiles. Und Chile heute? Seit 1990 ist das Land zur Demokratie zurückgekehrt. Günther Wessel hat alle Anverwandten für dieses Buch interviewt, mit der Ausnahme von Allendes Witwe Hortensia Bussi de Allende. Sie sagt „Ich habe so oft darüber gesprochen, ich will nicht mehr, ich bin müde.“Am Schluss des Buches äußert sich eine Cousine Allendes, die immer noch in der sozialistischen Partei aktiv ist: „Der Name Allende bedeutet eine große Verantwortung – er kann aber auch eine Last sein.“
       

Günther Wessel
Die Allendes
Gebundene Ausgabe
Verlag: Campus Sachbuch
Frankfurt 2004

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Der europäische Traum

Amerika Du hast es besser, sagt Johann Wolfgang Goethe. Nein, widerspricht Jeremy Rifkin, die Supermacht der Zukunft wird Europa sein, die  heute zwar noch eine leise ist, doch langfristig besser auf Anforderungen einer komplexer werdenden Welt reagieren kann. Die inhumane Sozialpolitik im Inneren und die aggressive Außenpolitik nach außen seien nicht zukunftsfähig. Rifkin interpretiert Europa als gigantischen Laborversuch, der europäische Traum stelle die Gemeinschaftsbeziehungen über die individuelle Autonomie, kulturelle Vielfalt über Assimilation, nachhaltige Entwicklung über unbegrenztes Wachstum, Lebensqualität über die Anhäufung von Reichtum, spielerische Entfaltung über ständige Plackerei bei der Arbeit, die universellen Menschenrechte und die Rechte der Natur über Eigentumsrechte und globale Zusammenarbeit über einseitige Machtausübung. Eben, weil die Europäer kollektiv denken und handeln würden, in gemeinschaftlichen Bezugrahmen und nicht individualistisch auf Inseln lebend wie die Amerikaner. Der europäische Traum setzt auf persönliche Veränderung und nicht auf Reichtumsanhäufung, eine von Idealismus motivierte Zukunft stehe bevor. Im amerikanischen Traum ist Freiheit mit Autonomie verbunden. Autonom - reich  - begütert - frei! Der Europäer: ist eingebunden, wechselseitige Beziehungen, offene Gemeinschaften, Amerikaner sind auf Arbeit, Europäer auf Freizeit fixiert. Europäer wollen ihre europäischer kulturelle Identität bewahren, ihr europäischer Traum ist kosmopolitischer nicht territorial. Der Europäer kein Eroberer! Aber er muss Zynismus, Skepsis, Pessimismus ablegen.

Kernsatz bei Rifkin über den amerikanischen Traum:

„Wir sind nicht mehr so sicher, wer wir sind und wofür wir stehen, was uns motiviert und inspiriert, als Einzelperson oder als Kollektiv.“

Rifkin will nicht der Erfinder des neuen europäischen Geistes sein, nein dieser wehe schon, er sei nur der Mensch, der den Traum deutet, benennt. In der ZEIT-Liste ist Rifkin bereits auf Platz 1 der Buchliste. Und was sagt die Kritik: Literaturen meint, man müsse dem Autor mit Skepsis begegnen, ganz europäisch eben, das neue Intelligenzblatt Cicero sagt: spannend und amüsant geschrieben, es sei aber höchst zweifelhaft, ob es nicht bloße Romantik ist, den europäischen gegen den amerikanischen Traum auszutauschen- die NEUE ZÜRICHER ZEITUNG sieht in Rifkins Traumdeutungsbuch einen Muntermacher für deprimierte Alteuropäer –die Financial Times Deutschland schreibt, diese Europaschwärmerei sein neu, in Wirklichkeit habe das Buch mit Europa weniger zu tun, es zeige vielmehr die Zerrissenheit der Neuen Welt. Rifkin aber behauptet: Europa ist der neue Raum der unbegrenzten Möglichkeiten. Der Europäische Traum führt uns ins globale Zeitalter“. Amerikas Stärke ist  die Frage des persönlichen Verantwortungsgefühls - der europäische Traum bräuchte daher Zuversicht, das Gefühl eben, daß sich die Hoffnungen auch erfüllen können. Die Amerikaner hätten immer gesagt, für den europäischen Traum lohne es sich zu sterben, nach Rifkins Auffassung lohnt es sich für den neuen europäischen Traum zu leben.

Jeremy Rifkin
Der Europäische Traum
Die Vision einer leisen Supermacht
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2004

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Interview mit Jeremy Rifkin

 
Schreiber: „Mr. Rifkin, wie definierten Sie eigentlich den europäischen Traum?“

Jeremy Rifkin: „Also, der europäische Traum beruht auf folgenden Kriterien. Niemand sollte in einem Land zurückfallen, die Gesellschaft erklärt sich dafür verantwortlich, zweitens multikulturelle Vielfalt, daß alle Kulturen etwas beizutragen haben, etwas miteinander teilen und nicht als Besitzstandswahrung verstehen, weiter die nachhaltige Entwicklung, dann ein tiefer Glaube daran, daß die Umwelt und die Entwicklung des Planeten eine zentrale Lebensfrage darstellen, dann Lebensqualität, eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit, der Glaube an soziale Rechte und an Menschenrechte, statt Besitzdenken und schließlich auch der Glaube an Harmonie und Frieden.“

Schreiber: „Ist der amerikanische Traum am Ende?“

Jeremy Rifkin: „Die Zeit des amerikanischen Traums ist wohl vorbei, das ist ein sehr individueller Traum, der auf dem Glauben an individuellen Erfolg beruht. Ich liebe diesen Traum auch, er beruht auf der Idee, daß die Freiheit nur durch individuelle Unabhängigkeit erreicht werden kann, früher machte das Sinn, aber heute ist in der Welt ja alles miteinander verbunden und heute beruht eben alles mehr auf kollektiver Verantwortung.“

Schreiber: „Warum träumen die Europäer ihren Traum nicht selbst, warum muss ein Amerikaner sie wachrütteln und zum träumen auffordern?

Jeremy Rifkin: „Alles was ich getan habe ist nur den Traum mit einem Namen zu benennen, der Traum ist schon da, meine Mission ist ja nur zu sagen: Ja,  S i e haben einen Traum, Sie haben es nur noch nicht bewusst zur Kenntnis genommen.“

Schreiber: „Das klingt alles sehr europa-optimistisch?“

Jeremy Rifkin: „Optimismus ist ein wichtiger Bestandteil, die Schwäche des amerikanischen Traums liegt doch darin, sich abzuschließen, Jeder will seine eigene Insel sein und sich abschließen und dann damit Erfolg haben. Dieser Individualismus kann aber gefährlich sein, das funktioniert eben nicht in einer voneinander abhängenden Welt. Der europäische Traum geht eben mehr von Solidarität aus. Er kann zur globalen Vision werden.“ (2004)

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Zur Besuch im rumänischen Hermannstadt (Sibiu)
(Europäische Kulturhauptstadt 2007)


Noch nie war ich in der Oper Carmen so nah. Ein zwei Meter vor mir tanzt sie aufreizend. Carmen alias Florentini-Irina Onica demonstriert ihre Verführungskünste fraulicher Art und das ausgerechnet im historischen Museum in Hermannstadt. Vor 350 begeisterten Gästen. Nur vier fünf Zuschauerreihen. Eine intime Atmosphäre. Oper hautnah. Das Opern-Projekt ist auf Initiative einiger bekannter rumänischer Künstler entstanden, in Hermannstadt eine neue Inszenierung der Oper ''Die Tragödie von Carmen'' von Bizet, nach der Adaption von Peter Brook auf die Bühne zu bringen. Das Ensemble in großartiger Spiellaune. Ion Caramitru Rumäniens Starschauspieler inszenierte frech und frei der Eintritt ist es ebenfalls und die kleinen Jungs aus der Statisterie hat sich der Regisseur von der Straße geholt – es sind Roma. Buchstäblich Straßenkinder.

Wir sind in Birthelm, in Transylvanien – Siebenbürgen, in einem kleinen Dorf, dort wo die Deutschen die Weinbergregionen verlassen haben, einige Siebenbürger Sachsen erneut wiederkehren und ihre Häuser renovieren, oder im kapitalistischen Westen gescheitert sind. Die Wehrkirche als Weltkulturerbe lockt die Touristen und Prinz Charles als großer Rumänienfreund streunt dort gerne durch blumenreiche Wiesen, die voll biologischer Vielfalt ebenso gut zum Weltkulturerbe ernannt - also geadelt - werden könnten. 

An den Straßenrändern Richtung Mediasch, das ist die Kreisstadt verkaufen noch Kesselflicker alter Zigeunergenerationen Kupfer-Töpfe und Schnapsbrennereigeschirr für den Hausgebrauch, der Pferdewagen ist neben dem Kleinwagen Hauptverkehrsmittel auf dem Lande. Armut im Alltag, über die auch nur noch Musik hinwegtrösten kann. 

Szenenwechsel: Am Hermannstädter Ring dem Hauptplatz von Sibiu mit renovierter klassizistischer Kulisse müht sich eine Roma-Kapelle etwas ab: Klassischer melodischer und professioneller geht es Tage später mit der Sinfonietta Berlin unter Karajanschüler Ion Marin mit Salieri, Mozart, Stamitz und Haydn zu – im Sala Thalia, dem Theatersaal vor auch deutschem Bürgerpublikum. Kräftigheftig applaudierend, weil das Kammerorchester aus Mitgliedern der Berliner Philharmoniker spiellaunig das Publikum entfesselt insbesondere durch die beiden Geigerviolasolisten Lorenz Nasturica und Wilfried Strehle, die als Streicherduo begeisterten.
 
Hermannstadt - europäische Kulturhauptstadt - eine pulsierende Regionalmetropole, die Bukarest den Boomtownrang  abläuft, architektonisch attraktiv renoviert in den alten Stadtkern lockend, dort wollen allerdings einige Wirte alle Fastfoodkulturen der westlichen Welt mit abgesenktem Fraßniveau einholen. Pizza mit ein paar Spritzer Ketchup - acht Euro. - andernorts entstehen Edellokale, für die kaum ein einheimischer Mensch Geld hat. Überall werden Köche gesucht. Hermannstadt – wächst und wächst – und gute Arbeitskräfte werden schon auf dem Schwarzmarkt gehandelt. 

Natürlich importiertes Verkehrschaos, weil der Straßenbau nicht nachkommt. Tagsüber Entspannung in der Gemäldesammlung des Barons Samuel von Bruckenthal oder im Mitmach-Zirkusworkshop für Nachwuchstalente, abends Folkrock und Modern Jazz im Club Atrium oder Emperium.  

Hermannstadt wartet noch eine Woche auf Ian Anderson den Querflötenartisten von Jethro Tull oder besucht den rumänischen Abend der Gastronomie, angesagt Mic eine Art Cevapcici - oder mit Reis gefüllte Kohlrabiköpfe. Filmreihen oder zeitgenössischer Tanz ergänzen das umfangreiche und vielfältige Kulturpanoptikum, das auch eine ungarische Kulturwoche beinhaltet, denn neben den Deutschen leben auch noch viele Ungarn als  Minderheit unter den Rumänen. 

Apropos Minderheit, der Karpatenbär ist fast schon wieder in der Mehrheit, denn zu Ceaucescus Zeiten genoss nur der Diktator selbst das Jagdrecht – so konnte ich in den Südkarpaten echte Bärenspuren sehen – doch Meister Petz hielt Gottlob Abstand. Übrigens nie sah ich so viel Störche – fast 500 sind es wieder im Kreis Hermannstadt. Nebenfrage, wer bringt eigentlich den Störchen die Kinder – es sind viele auf den Dachnestern der malerisch-mittelalterlichen Dörfern.

Wandertipps bekommt man einfach auf der Strasse. Sogar in Deutsch. Hermannstadt - von einem deutschstämmigen Bürgermeister in eine Erfolgsstory hinein katapultiert möchte International mehr zur Kenntnis genommen werden, Bürger des Landes aber auch des Auslandes locken, mehr Publikum zu den eigenen kulturellen Ereignissen animieren. 
 
Weitere Impressionen und Irritationen: Deutsche Orchester und  Tenöre wurden gefeiert, der nöhlende Julio Eglesias ausgepfiffen, ich bekam eines Abends nichts zu essen weil einfach das Gas ausging, der Beginn des Sinfoniettakonzerts war auf dem Plakat und im Programm für 19 Uhr ausgedruckt, begann aber erst um acht Uhr, mancher Programmpunkt ist wegen eigentümlichem Deutschsprech nicht zu entschlüsseln, es geht alles etwas sympathisch langsamer in Rumänien, originäre Bauern-Vielfalt an Obst und Gemüse ohne EU-Norm sonnengereift auf dem innerstädtischen Markt, genauso besuchenswert wie ein wunderschönes Dorfmuseum mit 170 Exponaten malerischen Häusern, gediegenen Gehöften, Monster-Mühlen und Maispeichern, reichen Vorratskammern, edlen Pferdegespannen und geduckten Fischerhäusern mit Holzraddampfer aus dem Donaudelta. Und dem Herrn Dracula sei am Ende gesagt: das Steak in den Restaurants etwas blutig bestellen, es ist sonst zu hart. 

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Wertewandel

Was meint – was glaubt  was denkt was fühlt eine Gesellschaft – an welchen Werten orientiert sie sich. Christliche Glaubenssätze sind aus der Mode gekommen, die Politik gibt in unseren Tagen nicht gerade Vorbilder ab, sondern das genaue Gegenteil. Was waren das noch Zeiten als der Philosoph Immanuel Kant den Satz sagte: Etwas flapsig formuliert, der Mensch muss immer so handeln, daß die Grundsätze seines Handelns zum allgemeinen Gesetz werden könnten. Das würden vielleicht ganz schön kriminelle Gesetzbücher denn nicht nur der Staat auch der Bürger hat sich an manche illegale Praxis gewöhnt. Da kommt nun Norbert Schreiber gewissermaßen als Moralapostel daher und hält ein etwas dünneres Büchel in der Hand: Titel WERTEWANDEL   Aufbruch ins Chaos oder neue Wege. Von Rolf Heiderich und Gerhart Rohr. Was wird gewertet – was wird gewandelt. 

Schreiber: Herr Witt ich mach das mal wie ein Politiker antworte erst mal nicht auf die Frage, so ist das ja nun in diesen Tagen angesichts des Spendenskandals auch– viele Fragen wenig Antwort und so ist dann nicht verwunderlich, daß in einer demoskopischen Umfrage des Hessischen Rundfunks herauskommt: 70 Prozent der Befragten sehen ihr Vertrauen in die Politik erschüttert insgesamt, für 57 Prozent ist der Spendenskandal eine Krise des gesamten Parteiensystems.

Aber nun zu Ihrer Frage was wandelt sich:

Die materiellen Lebensverhältnisse, die Ausweitung des Wissens, die politischen Herrschaftsverhältnisse, fremde Kulturen wirken auf uns ein, die Medien natürlich und dann haben wir noch den Individualisierungstrend – heisst auf Deutsch, nur was mir gut tut interessiert mich -alles andere kann mir gestohlen bleiben.

Apropos stehlen, die Erziehung wandelt sich: die Zuwachsraten bei Kinderkriminalität liegen Zwischen 45 Prozent in Hessen und 406 Prozent in Brandenburg.

Der WERTEABAU IST ÜBERALL STATISTISCH ZU BELEGEN:

Nur noch 36 Prozent der Menschen glauben an Gott nur noch 26 an ein Leben nach dem Tod.

44 Prozent meinen der Glaube ist nicht so wichtig. Sich nicht unterkriegen lassen wird für wichtiger genommen als sich tolerant zu verhalten. Individualismus wird das Maß aller Dinge. 

Also kann sich der Politiker oder die Politikerin auch am Bürger kein Vorbild nehmen. 

Schreiber: und auch wieder umgekehrt. Zum Beispiel halten die Bundesbürger von Ihren Abgeordneten nicht besonders viel: 59 Prozent sind der Meinung, es bedürfe keiner besonderen Fähigkeiten Bundestagsabgeordneter zu werden. 85 Prozent der Wahlbevölkerung haben wenig oder nicht so großes Vertrauen zu Ihren Parlamentariern. Die Zahlen sind von Mitte bis Ende der 90er Jahre erhoben, sie sehen also, nicht erst seit der Parteispendenaffäre sind die Bürger von Politik enttäuscht. Nur noch jeder fünfte hat eine gute Meinung von Politikern, sie rangieren übrigens in der Berufsimageskala auf Platz 12, dem letzten Platz, Platz 1, 2, 3 Arzt     Lehrer     Architekt.

Was sind denn die Gründe für den herben Verlust des Ansehens von Politikern in der Öffentlichkeit: 

SCHREIBER: Bei der Parteienfinanzierung kann man diese politische Schizophrenie ja auch beobachten: gegen organisierte Kriminalität vorgehen sich selbst aber geldwäscherisch verhalten. Für eine neue Parteienfinanzierzung eintreten, aber deswegen Geld ins Ausland schaffen, für volle Aufklärung sein, die Wahrheit aber nur scheibchenweise ans Licht kommen lassen.

Wasser predigen Wein trinken 80 Prozent der Männer und 72 Prozent der Frauen erregen sich über diese Doppelmoral. Vor Kriminalität und Beamtenärger ist diese Doppelzüngigkeit auf der Chartliste des Bürgerärgers das, was die meisten am meisten erregt.

Das ist nun ein komplexes Zahlenwerk, gibt es auch sachliche Anhaltspunkte warum sich die Politik von den Werten entfernt:

 
SCHREIBER:  Sachkometenz ist bei Politikerkarrieren wenig gefragt, Berufspolitikerkarrieren häufen sich. Medienkompetenz und Anpassung an den Zeitgeist bestimmen Politikerprofile, politische Seilschaften sind wichtig, es gibt ein Kartell der Postenverteilung, undurchsichtige Privilegiensysteme, die sogenannte Vorteilsnahme – das sehen wir ja gerade – nimmt zu, das alles gipfelt dann in dem Satz DIE GEKAUFTE REPUBLIK.

Nocheinmal zum Buch selbst, wie ist es gegliedert, was bietet es dem Leser?


SCHREIBER: Zunächst ist es ein Zahlenwerk mit viel statistischem Material über Wertvorstellungen, Glaube, Familie, Beruf, es geht um die Erziehung und den schwindenden Einfluss der Eltern, beschreibt die Sucht nach Selbstverwirklichung, beschreibt den Wandel  bei Sexualität.

Über Politik und Moral haben wir gesprochen. Wie die Medien auf uns wirken und was Multukulti mit unseren Wertvorstellungen anstellt – das ist Thema dieses sehr informativen Büchleins, das eine Materialsammlung für den darstellt, der sich mit Moral, Wertvorstellungen und vielleicht auch Tugenden, unserer Tage auseinandersetzen will. Es wär ja mal wieder an der Zeit – damit unsere Gesellschaft sich neue Wege sucht und nicht den Aufbruch ins Chaos anzettelt wie der Untertitel anreißt.

Was ist denn Ihre Lieblingstugend? 

SCHREIBER: Eine aus der Bewegung der Aufklärung: auf sie gemünzt: Herr Witt ich bin nicht Ihrer Meinung, aber ich werde die Freiheit Ihre Meinung zu sagen immer verteidigen. Ist ein bißchen ein Grundprinzip der Demokratie, könnte auch mal wieder in Talkshows Anwendung finden, dann würden sich die Politiker nämlich auch wieder mal ausreden lassen. 

Heiderich, Rolf und Gerhart Rohr:
Wertewandel: Aufbruch ins Chaos oder neue Wege? 
München: Olzog, 1999

Das Gesicht Europas

Angesichts des TEURO, der Streitereien um die europäische Verfassung, der Diskussion um das Europa der zwei Geschwindigkeiten ist es ja mutig von den Verlagen Europabücher auf den Markt zu bringen – aber wenn sie denn je eine Chance haben sollen, dann natürlich nur in dieser jetzigen Zeit, positioniert vor dem Erweiterungsprozess, denn zum 1.Mai werden zehn weitere Länder der Europäischen Union beitreten. Norbert Schreiber ist ins Studio gekommen. Er stellt uns nun folgendes Buch vor:

Norbert Schreiber auf dem Buchtitel sind auf der Europakarte keine Grenzen mehr vorhanden!

Ja etwas voreilig, denn von Norwegen wissen wir ja langfristig noch nicht, ob es endgültig dabei sein will.  Das ist ja insgesamt ein höchst seltsamer Prozess, Staaten ziehen lieber Grenzen, als dass sie sie aufgeben, Europas Prozess des Zusammenwachsens ist aber eben das genaue Gegenteil der nationalstaatlichen AB-GREN-ZUNG. Weitere Grenzen werden fallen.  Wenn man nur einen Profit aus diesem Buch von Dirk Schümer ziehen kann, dann ist es der, dass man argumentativ sehr schnell begreift: Europa ist ein Prozess und jede Defintion WAS IST EUROPA, geografisch politisch oder kulturell stösst sehr schnell – an GRENZEN.

Das Gesicht Europas – wie sieht es denn aus in dem Buch, hübsch, hässlich, geschminkt ohne Makeup

 Erst einmal gar nicht so schön anzusehen, denn der  Einstieg in das Buch, es ist die Taschenbuchausgabe eines bereits erschienen Hardcover-Titels ist negativ, so dass man zuerst glaubt, hier ist ein Antieuropäer der FAZ am Werk, Schümer ist ja Europa-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - er lebt in Venedig. Im Vorwort spricht er vom Moloch Europa, vom Großmarkt, also die EU eine Art politischer ALDI, ein machtloser Riese, ein Agrarshop, von babylonischem Sprachengewirr umgeben, ein Gebilde das zwar positive Bilanzen schreibt, uns aber mit dem EUROTEURO einen erheblichen Kaufkraftverlust beschert hat, und Europa ist politisch wie es vor wie im Irakkrieg bewiesen hatzersplittert und nun steht auch noch die  gigantische Osterweiterung an.

Eine schwieriges Geschäft also? 

Ja man muss zudem berücksichtigen: hier mischen sich Monarchien, Uraltdemokratien, Ministaaten wie Zypern und Malta, ehemalige Faschistenregimes mit alten Demokratien- dennoch meint der Autor ist die Osterweiterung erst recht moralisch verbindlich. Der Autor wirft einen Blick zurück und sagt sehr eindrücklich, der jetzt vorhandene Friede sei ja gar nicht so selbstverständlich, es könnten ja noch kriegerische Auseinandersetzungen auch mitten in Europa herrschen und  „Die Baracken der Konzentrationslager sind noch lange nicht verrottet, die Ruinen der Sowjetkasernen noch nicht von Pflanzen überwuchert.“

Ja, aber uns umgeben doch heftige Krisen, wo nimmt der Autor seinen Optimismus die Notwendigkeit der Einigung immer wieder zu betonen her
 
Er ist offenbar schon überzeugter Europäer, langfristig sieht er die USA in politischen Schwierigkeiten begriffen, die EU würden zur Großmacht anwachsen mit einem Riesenabsatzmarkt Russlands, der Emirate und auch Chinas. Wir müssten aber eben auch den Wert der Arbeit, die Kaufkraft neu bewerten, der Prozess der Modernisierung gehe eben nicht ohne Brüche und Perspektivenwechsel ab und die Bürger dieser europäischen Union müssen ja einmal zur Kenntnis nehmen, dass inzwischen fast siebzig Prozent aller Entscheidungen nicht mehr auf der nationalen, sondern auf der europäischen Ebene getroffen werden.

Was gefällt Ihnen an dem Buch?

Es hat ein schönes Cover – Europas Landkarte als Puzzle – aber eben auch einen interessanten Inhalt, teilweise reportagehaft geht Schümer die Europathemen journalistisch an, indem er die Europathemen konkret werden lässt - ohne die historischen Dimensionen zu vernachlässigen – er besucht Serbien und schildert die europäischen OUTCASTS, er benennt Auschwitz als Nullpunkt Europas, er wühlt in Brüssels europäischem Sumpf der Bürokraten, schildert in Frankfurt die kreative Zerstörungskraft des Geldes, Straßburg-Luxemburg Maastricht sind selbstverständlich, aber Kreta, Rom, Aachen als historische Wurzel-Regionen dieses Europas benennt er auch, ohne zum Beispiel die armen verwandten Europas in Bukarest zu vergessen. Auch Schümer weist darauf hin, dass Polen, Ungarn Tschechien ja  nicht in Europa ankommen müssen, sie waren schon immer Europa, das vergessen wir nur allzu  leicht.  

 
Das ist alles politisch argumentiert – streift Schümer auch das Thema Kultur?
 
Er streift es nicht nur, er hält es für eminent wichtig, er beklagt die Kleckerei hier mal eine Kirchenfassade zu schützen, dort mal Geld für ein Übersetzungsprojekt zu geben. Er macht kulturpolitisch interessante Vorschläge:

Einen europäischen Literaturpreis zu vergeben, der dem Nobelpreis gleichkommt. Förderprogramme für junge Europäer, die in Nachbarländer geschickt werden, eine europäische Übersetzer Akademie, eine mobile europäische Oper, die die Metropolen tournusmässig bespielt, , Denkmalschutzprogramme, ein Wasserwirtschaftsprojekt für Venedig, ein Sanierungsprojekt für die Stadtkerne von Bukarest, und Altstadtrenovierung in Prag, also sie sehen dem Autor fehlt es nicht an Ideen. Es geht also nicht nur um die Entwicklung einer gemeinsamen Außenpolitik, sondern auch europäischen Kulturpolitik.

Enzensberger hat einmal gesagt, es könne an Geräuschen und Gerüchen erkennen ob er sich in Europa befindet. Und vieles riecht bei uns eben auch schon nach USA.
 

DIRK Schümer Das Gesicht Europas  Ein Kontinent wächst zusammen Deutscher Taschenbuch Verlag

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Interview mit Ralf Dahrendorf (2006)

Politische Tugendlehre

Sie sprechen in Ihrem Buch von der Tugendlehre, welche Lehrsätze hat ihre Tugendlehre?

Mein Gott, Lehrsätze, das klingt in ihrer Frage, als ob ich eine ganze mittelalterliche Philosophie entwickelt hätte, die von allen gelernt werden muss. Es ist ein leicht ironischer Begriff dafür, dass diejenigen, die immun sind oder sein wollen gegen die großen Anfechtungen des Totalitarismus bestimmte Tugenden brauchen. Mit einigen beschäftige ich mich ja ausgiebig. Man muss zum Beispiel in der Lage sein, die eigenen Positionen auch dann klar und mutig zu vertreten, wenn ringsherum nur andere Positionen vertreten werden, Vielleicht auch gegensätzliche und dann spielt eine wesentliche Rolle bei mir diese merkwürdige Eigenschaft ein engagierter Mensch zu sein in den Fragen der Zeit und doch Beobachter zu bleiben. Also nicht Hineinzugehen ins Getümmel also nicht Mitzukämpfen. Und irgendwo steckt dahinter immer eine Vorstellung, dass Vernunft auch mit Leidenschaft betrieben werden kann. Dass Vernunft also nicht nur abgehoben ist. Dass das Durchhalten von Vernunft auch eine derjenigen Tugenden ist, um die es geht. Ob das nun das Wort Lehre verdient, darüber möchte ich jetzt nicht spekulieren.

Die Vermittlung von Tugenden ist ein Erziehungsprozess, da spielen Eltern, Bildungseinrichtungen Schule Universitäten rein und Vorbilder, denn Tugenden will man ja auch erfahrbar machen.

Wie könnte ein Rekonstruktionsprozess von Tugenden aussehen, denn wir haben doch Tugenden verloren.

Völlig richtig und zugleich bin ich im Laufe meines Lebens ein bisschen skeptisch geworden was die Möglichkeit angeht Tugenden bewusst zu vermitteln durch solche Instanzen, es gibt kaum Wichtigeres als Vorbilder und vor allem sichtbare Vorbilder und einer meiner Zwecke des Buches ist es an Personen zu zeigen welche Unterschiede es da durchaus gibt. Es gibt da ja keine Einheitspersonen, sondern Raymond Aron und Isaiah Berlin, Bobiu, Hannah Arendt und andere sind sehr unterschiedlich und doch haben sie gemeinsame Vorstellungen. Ich vertraue auf Vorbilder.

Sie sprechen in ihrem Buch auch über die Intellektuellen, über ihre Erfolge und ihr Scheitern, können Sie dafür ein paar Beispiele nennen. 

Für mich als erfolgreicher Mensch ist an erster Stelle der Philosoph, Soziologe und Essayist und Journalist Raymond Aron zu nennen, man kann aber auch Berlin, Popper und andere hinzufügen. Aber die meisten anderen sind im 20.Jahrhundert gescheitert. Und ich wollte ja in meinem Buch mal nicht den Akzent auf das Scheitern legen, habe aber trotzdem ein paar Beispiele geschildert. Intellektuelle sind eben auch versuchbar und jemand wie Jean Paul Sartre ist sozusagen auch auf jede Mode reingefallen, die gerade gängig war und ist dann von ihr auch wieder abgefallen. Selbst ein Mann wie Heidegger, der 1933 und 1934 schreckliche Nazi-Reden gehalten hat hat sich dann in eine stillere Welt zurückgezogen und war plötzlich nicht mehr Protagonist einer neuen Ideologie. Aber das sind Beispiele des Scheiterns und dafür gibt es leider nur zu viele. Mein Interesse gilt aber denen, die nicht gescheitert sind.  

Beck Verlag zu diesem Buch

Warum sind so viele Intellektuelle des 20. Jahrhunderts Faschismus und Kommunismus in die Arme gelaufen? Das Spektrum der Antworten auf diese oft gestellte Frage reicht von Opportunismus und Karrierestreben bis zum Idealismus der Überzeugungstäter. Doch läßt sich die Frage auch umkehren: Warum haben manche allen Versuchungen der Unfreiheit widerstanden? Was war ihnen eigen, das den Idealisten und Opportunisten abging?Ralf Dahrendorf lotet in seinem neuen Buch eine Fülle von beispielhaften Biographien aus, um die Ursachen für die Unversuchbarkeit des liberalen Geistes freizulegen: Karl Popper, Isaiah Berlin, Raymond Aron und Norberto Bobbio, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und George Orwell treten auf – aber auch kontrastierende Persönlichkeiten wie Martin Heidegger und Ernst Jünger, Jean-Paul Sartre, Manès Sperber, Arthur Koestler oder Georg Lukács.

Das Resultat ist eine Tugendlehre der Freiheit, die über die Zeiten hinaus Gültigkeit beanspruchen kann. Erasmus von Rotterdam ist gleichsam der Prototyp dieser „Erasmus-Menschen“, einer Geisteshaltung, die weder innere Emigration erlaubt noch zum Widerstandskämpfer tauglich macht, aber mit der Besonnenheit der „engagierten Beobachtung“ und der Weisheit der leidenschaftlichen Vernunft über einen Kompaß verfügt, der die Erasmier auch durch solche Zeiten navigiert, in denen andere Geister häufig Schiffbruch erleiden. Dahrendorf wäre nicht Dahrendorf, wenn dabei nicht mehr herauskäme als eine historische Betrachtung. Seine brillante Anamnese des „liberal mind“ ist zugleich eine politische Ethik – nicht nur für Intellektuelle.

Ralf Dahrendorf Versuchungen der Unfreiheit Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfu 2. Auflage 2006. 239 S.: mit 15 Abbildungen. In Leinen

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Zur Person Klaus Harpprecht 

Leidenschaft für das Wort.

Leidenschaft zur Wahrhaftigkeit. 

Journalismus ist die Chance, viele Leben zu leben, sagt und er hat dieses Lebensmotto vielfältig umgesetzt, und das savoire vivre, die Lebensart, besitzt er sowieso. Zumal sie sich an der Cote D Azur wo Harpprecht wohnt, blendend ausleben lässt. Harpprecht, ein Wortwerker, gar Wortgewaltiger, der in Zeiten von Studentenunruhen in Deutschland gerne als Schöngeist und Schönschreiber beschimpft wurde. Weil er wegen eines körperlichen Gebrechens, die Finger nicht lang genug, das Ohr nicht talentiert, kein Musiker werden konnte, was er unbedingt wollte, widmete er sich seiner zweiten Leidenschaft: der Literatur. 

Bei CHRIST und WELT entwickelte er als Volontär und Redakteur seine ersten Weltbilder. Bei Rias, SFB und WDR kommentierte er, war er Korrespondent oder Bonner Büroleiter. Reportagen für DIE WINDROSE, Amerika-Korrespondent fürs ZDF schlossen sich an. Harpprecht wechselte oft die Positionen, übte sich und vervollkommnte sich in ihnen: als Leiter des SFischer-Verlages, als Herausgeber der Intelligenzzeitschrift DER MONAT. Vom evangelisch-theologischen Seminar in Tübingen geprägt, ist Klaus Harpprecht der klassisch Intellektuelle der frühen Jahre dieser Republik und vor allem der Brandt-Ära. Seine Freundschaft zu ihm als Außenminister brachte ihn zur sozialdemokratischen Partei. Er wird Leiter des Schreibbüros von Kanzler Willy Brandt, auf den er Einfluss hat: Er war schon SPINDOCTOR, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Berater für internationale Fragen, was Amerika, Westeuropa und insbesondere Israel angeht. Harpprecht rät Willy Brandt bei seinem Polenbesuch das Ghetto zu besuchen. Brandt tut es und findet selbst seine Geste: den KNIEFALL.  Schreibspiele nennt Harpprecht zum Beispiel seine Bemerkungen zur Literatur, er will mehr als Texten, mehr als Schreiben, er will FormulierungsKUNST-Kunst unterstrichen. WORTSCHÖPFUNG. 

Erst im Jahr 2000 erscheint das Buch „IM KANZLERAMT“ ein sehr persönliches Porträt des Kanzlers, dessen Rücktritt nach der Guillaumeaffäre Harpprecht heute noch als nicht nötig betrachtet: 

In der späteren Zeit seines Wirkens entstehen 50 Interviewfilme im Dialog für das ZDF, hunderte von Radiosendungen, Biografien, literarische Features, eine Doppel CD zu Erich Kästner. Zwischenzeitlich übernahm  er auch die Chefredaktion der Zeitschrift GEO für zwei Jahre. DIE ZEIT, die SÜDDEUTSCHE, die NEW YORK TIMES und die WASHINGTON POST beschäftigen ihn als Autor. Zur Zeit ist er Mitherausgeber von NEUE GESELLSCHAFT/Frankfurter Hefte und der ANDEREN BIBLIOTHEK bei Eichborn. Naturellement, selbstverständlich ist er ein Freund der französischen Küche bekennt der schwäbelndnäselnde Harpprecht und schmunzelt dabei vielsagend, aber es wäre nicht Harpprecht würde nicht auch ein Gegensatz dazu passen, die asiatische liebt er auch. Und so sehr er kommentierend auf der Höhe der Zeit ist: literarische Vergangenheit und Größe der Literatur ist bei ihm ebenso aktuell.

Urban Priol – der Kabarett-Derwisch

Der Trend ist wechselseitig fruchtbar: Buchverlage entdecken Kabarettisten als Bestsellerautoren – Fernsehkabarettisten finden wieder die kleinen Bühnen mit direktem Publikumskontakt attraktiv und Kabarettisten lernen das Büchermachen. Der Kabarett-Derwisch Urban Priol zieht in seinem Pointen-Kaleidoskop eine Zehn-Jahresbilanz. Da darf auch Lady Di im Rückblick nicht fehlen.   Priol wechselt die Schauplätze, die Themen, die Imitationsstimmen so furiosfarbig wie seine knallbunten Hemden und bei den Spitzen, Witzen, Kalauern und dem Stimmengewirr seiner Figuren könnten einem am Ende bei all dem Politwahnsinn die die eigenen Haare so zu Berge stehen wie sie das bei ihm tun...es stoibertmerkeltkohltundhubertbecksteinig durchs Politgeröll. Auf der Bühne beim Vorlesen – wie im Buch:   Im Münchner Arri-Studio wird die ZDF Erfolgssendung „Die Anstalt live ausgestrahlt, das Publikum steht Schlange, schlägt sich um die Eintrittskarten. Urbon Priol freut sich.   Auf 270 Seiten breitet Priol in seinem Buch geistreiche Szenarios aus, bei Hirn ist aus ist Hirn drin, ganz gleich ob er uns auf das SPD-Traumschiff entführt, mit Miles und Moreprogrammen die Flugangst bekämpft oder ein Vaterunser für dowjones-dax-bluechips-hedgefonds und Kommunalobligationen betet. Die Materialfülle nahm er aus seinen Textaktenordner seit 1997 und sie war so groß, dass der Lektor des Blessingverlages, der alle Kabarettisten von Dieter Hildebrandt bis Georg Schramm, von Ottfried Fischer bis Bruno Jonas betreut, Rolf Cyriax kräftig streichen musste. Dieter Hildebrandt war der erste, der mit Lesetouren sich als wahrer Publikumsmagnet entpuppte.

Auch Fernsehstars wie Ottfried Fischer, die aus der Kabarettszene kamen, wollen wieder dorthin auf die kleine Bühne zurück, wo der Publikumskontakt am engsten ist. Der Bulle von Tölz, von der Parkinsonkrankheit geplagt, wird demnächst auf Kleinkunstbühnen zu sehen und mit einem neuen Buch zu lesen sein. 

Die Magie des Taktstocks

Aus einem Taktstock ist noch nie ein Ton herausgekommen, schreibt Wolfgang Schreiber, und dennoch bewegt dieses kleine Stöckchen die Musikwelt, vorausgesetzt es passiert dabei, was Dirigenten damit beabsichtigen   Ordnung schaffen wie Sergiu Celibidache sagt, damit Musik entstehen kann. Durch Werkanalyse, Klangstrukturierung, die Kraft der Persönlichkeit des Dirigenten und durch sein Charisma. Das tut der Maestro am  Dirigentenpult, der auch Konzertmeister, Kapellmeister, von Canetti sogar „Führer“ genannt wird.   Wolfgang Schreiber beantwortet all diese Fragen und versammelt in dem Buch die „Magier des Taktstocks - die „Dirigentenlegenden“ wie Toscanini, Furtwängler, Klemperer, Karajan und Celibidache, aber auch „die Aktuellen“ wie Abbado, Nagano, Barenboim oder Rattle.   Und wie unterscheiden sich die Maestros? Sie sind Notenanalytiker, Verführer, Formarchitekten, Klangmagier, Perfektionisten, Exzentriker, Kommunikationsgenies.   Nach einem Vorwort von Sir Peter Jonas folgt die Einleitung von Wolfgang Schreiber  - neben Joachim Kaiser einer der renomiertesten Musikkritiker Deutschlands, freier Publizist inzwischen -   bis 2002 Feuilletonredakteur bei der Süddeutschen Zeitung.   Was lernen wir aus der Einleitung?   Ein Maestro-Dirigent braucht ausdrucksvolle Hände, ein hoch entwickeltes Gehör für Harmonie und Timbre, bildhaftes Denken, künstlerische Willenskraft, Hartnäckigkeit, Tempogefühl. Die „Größe“ eines Dirigenten, nicht in Zentimetern gemessen sondern in Bedeutung, sie ist nur ein Argument für Marketing und Werbung. Heute sind die Maestros global players mit Instinkt fürs Musikgeschäft, sie besitzen Medientalent und Agenturerfahrung.   Schreiber gesteht ein, dass sein umfangreiches 532-Seiten-Buch nur dem Prinzip der Subjektivität gehorchen kann; dabei legt er in der Auswahl der Dirigentenporträts Wert auf folgende Kriterien: Kreativität, Dichte, Universalität des musikalischen Wirkens und das Gewicht der historischen Rolle in der jeweiligen Epoche des Dirigenten. Ob Komponisten-Dirigenten wie Richard Strauß oder zeitgenössische wie Pierre Boulez, Altvordere wie Toscanini und Klemperer, „Show-Figuren“ wie Karajan oder Bernstein, Europäer wie Muti, Sinpoli, Chailly oder Fricsay, „eigenwillige“  wie Masur oder Celibidache, Traditionalisten wie Harnoncourt oder Gardiner  - das Dirigentenpanorama ist wirklich breit und wird ergänzt durch Kurzporträts weniger bekannter oder bedeutender Dirigenten. Die Texe sind auch für den Musiklaien verständlich, nachvollziehbar, ungeheuer informativ und prägnant. Wir erfahren biographische Daten der Dirigenten, etwa über ihre Wirkungsstätten, ihre Karrierehöhepunkte und ihre Handschrift beim Dirigieren. Fotos lassen zusätzlich ein Bild des Dirigenten entstehen, das als Leservorstellung bereits im Text entstanden ist.   Schauen wir in einzelne Kapitel: Karajan ist  Musik aus „Instinkt und Intellektualimus“ heraus, nach Adorno ein Genius des Wirtschaftswunders, der als medien-omnipräsenter Dirigent mit Starnimbus eine halbe Milliarde gescheffelt haben soll. Ein Kritiker sagt über ihn: Jede Note blüht auf. Der erfolgreichste Dirigent aller Zeiten, der allein dreimal mit den Berliner Philharmonikern die Beethoven-Symphonien eingespielt hat. Sein Widerpart Lenny Bernstein, der 1000 Konzerte dirigiert hat, mit elementarer innerer Spannung, Chrisma und tanzendem Dirigierhabitus. Mit allen Fasern seiner Existenz  involviert. Der populäre Charismatiker der Musik. Den ich in München kennenlernte und interviewte. Oder der geheimnisumwitterte Sergiu Celibidache, der aus Rumänien stammt und die Münchner Philharmoniker formte. Für ihn war wichtig, dass Musik unter Livebedingungen entsteht, er hasste CD- und Schallproduktionen, und dennoch ließ er es zu, dass ich als Radiomann bei einem Dirigierkurs ihn und seine Studenten, während er mit ihnen arbeitete, interviewen durfte  - Voraussetzung war   l i v e. Er liebte das Radio. Die Spontaneität des Entstehens von Wort und Musik. Das Buch von Wolfgang Schreiber über die Großen Dirigenten ist für jeden Musik- und Klassikfreund empfehlenswert, es schult unser Gehör, ist auch zum Nachschlagen gut geeignet. Das Klingen und Verschwinden im Raum ist das Schicksal der Musik, und Celibidache sagt:  Das Orchester bleibt ein Mysterium; das der Dirigenten hat Wolfgang Schreiber aufgehellt.  

Norbert Schreiber hr 2 (2005) Wolfgang Schreiber Große Dirigenten Piper 2005

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Ein Europa-Kommentar  

Freiheit, Frieden, Wohlstand und Demokratie. Für diese Werte steht Europa. Für den Bürger heißt Europa: Bürokratie in Brüssel, Entscheidungswirrwar, Normierungswut. Das zweifache Nein zum Verfassungsentwurf war die Quittung dafür Europa zu lange als bürokratisches Elite-Projekt und nicht als eines der Bürgergesellschaft zu betrachten. Neuerdings wird das Begriffspaar Krise und Europa in aller Munde geführt. Dabei hat die Europäische Union doch Erfolge, der europäische Binnenmarkt eine starke Marktmacht, die demokratische Entwicklung hat politische Systeme weggefegt, die dem Freiheitsgedanken nicht Rechnung getragen haben. Sind wir nicht alle im Reisen quer durch Europa EuropaMEISTER, wenn nicht sogar WELTmeister. Wir haben die deutsche Weinerlichkeit auf Europa übertragen und wundern uns, daß die Europastimmung immer schlechter wird. Kein Wunder, wir haben ja auch die dritte Garnitur der Politik nach Straßburg und Brüssel geschickt und rätseln jetzt über das negative Ergebnis. Der Europagedanke wird eben schlecht kommuniziert, ein paar Vierfarbbroschüren, Einladungen nach Brüssel und Europaaktionstage reichen halt nicht aus. Aber seien wir doch erst einmal dankbar, daß in Europa für lange Zeit Frieden geherrscht hat und nur der Balkankrieg uns klarmachte, wie fragil die Sicherheitszone Europa noch sein kann. Europa braucht eine neue politische Energie wie Mark Leonhard in seinem neuesten Buch „Warum Europa die Zukunft gehört“ fordert. Dazu gehört, ein Verfassungsdialog mit dem Bürger, eine Reform der Union an Haupt und Gliedern, eine Überprüfung der Kommunikationsstrategien, Reformbemühungen in den Volkswirtschaften, um die Märkte für die globalen Herausforderungen fit zu machen. Wann endlich wird der europäische Außenminister eine einzige Telefonnummer haben, damit der amerikanische oder russische Präsident ihn anrufen kann? Zuwanderung muss geregelt werden, es fehlt ein überzeugendes gemeinsames Konzept im Kampf gegen den Klimawandel. Auch eine Debatte um Größe und Grenzen der Europäischen Union tut not. Wie definieren wir das Verhältnis zum wiedererstarkten „Global Player“ Russland. Und ist es uns Recht wenn George W. Bush in Europa Raketen stationiert um seine Definition von Freiheit zu verteidigen.  Wenn wir den „europäischen Traum“ verschlafen, wird es ein böses Erwachen geben. Im Osten geht die Sonne früher auf. (2007)

 Interview mit Eduard Schewardnadse

Ich treffe den ehmaligen sowjetischen Aussenminister Eduard Schewardnadse unprotokollarisch locker in seinem Hotelzimmer in Frankfurt am Main in Buchmesse-Nähe, allerdings unter den kritischen Augen eines schwergewichtigen Bodyguard-Athleten. Schewardnadse hat drei Attentate überlebt, das macht ihn naturgemäß vorsichtig. Hans-Dietrich Genscher nennt ihn im Geleitwort des Memoirenbandes einen georgischen Patrioten, der die ganze Welt zum Besseren verändert habe. Und einen verlässlichen Freund dazu. Mit den Zweiplusvier-Verhandlungen haben beide den Eisernen Vorhang zerrissen und den Kalten Krieg beendet. In seinen Erinnerungen ist ein Hauptkapitel der deutschen Wiedervereinigung gewidmet, in dem er Genschers Verhandlungsführung, Tatkraft, Zeitempfinden und das große Arbeitsvermögen lobt. Schewarnadse weist auch darauf hin, daß es  auch der Zurückhaltung des sowjetischen Militärapparates zu danken war, daß die Wende unblutig verlief.                 

Zuspielung


Auch die Vorbehalte der Engländer und Franzosen gegenüber einem großen Deutschland wurden ausgeräumt. Die Kritik auf russischer Seite musste vor allem Schewardnadse selbst einstecken. Er schreibt, „die schwere Bürde der Kritik lag ganz allein auf meinen Schultern.“ Und die Soldaten, sie zogen ab:                

Zuspielung


Der mit Schwarzweiß- und  Farbfotos reich bebilderte Erinnerungsband  mit dem Geleitwort von Hans-Dietrich Genscher schlägt einen weiten Bogen vom Rücktritt als georgischer Ministerpräsident, über den Wandel in der sowjetischen Aussenpolitik der Entideologisierung, die er selbst mit Gorbatschow einleitete, bis hin zum Niedergang der Sowjetunion, deren Ursachen er auch im persönlichen Verhältnis zwischen Boris Jelzin und Michail Gorbatschow verortet.                

Zuspielung


Mit seinem spannenden Buch, das in manchen Teilen jedoch etwas ungenau bleibt und dem Personenkult huldigt, will Eduard Schewardnadse zukünftige Führungspersönlichkeiten seines Landes zum Nachdenken anregen. Die Menschheit nähere sich jener Grenze, hinter der eine Weltkatastrophe lauere, nämlich die der Gefahr der Anwendung von Atom- und biologischen Waffen. Im aggressiven Separatismus sieht er den Nährboden für aktiven Terrorismus – besteht die Gefahr eines neuen „Kalten Krieges“?                

Zuspielung


Schewardnadse würdigt die historischen Leistungen Michail Gorbatschows, zeigt aber auch seine Fehler auf, er betrachtet die eigene georgische Rolle selbstkritisch, zelebriert auch manche Politikereitelkeit, in dem die weltweiten persönlichen Kontakte zu den Berühmtheiten der Politikereliten hervorgehoben werden. Mit Richard Nixon, Ajatollah Khomeini, Saddam Hussein und Fidel Castro, sind es eben auch die bösen Buben der Weltgeschichte.  Apropos, wie ließe sich denn nun der Raketenstreit zwischen den USA und Russland aus der Welt schaffen, frage ich den Perestroika-Außenminister Eduard Schewardnadse, der Europa eine wichtige Rolle dabei zuschreibt:                

Zuspielung


Georgien setzte schon unter Schewardnadse auf die Anbindung an den Westen, und dieses Land befindet sich nun auch im offenen Streit mit Russland. In der Amtszeit Schewardnadses ist der Ostblock zusammengebrochen, die Wiedervereinigung erreicht, der Afghanistankrieg beendet worden, im eigenen Land hat der Georgier mit seinem Rücktritt auch einen drohenden Bürgerkrieg verhindert. Wie sieht er den Gorbatschow-Nachfolger Wladimir Putin und dessen bevorstehendes Amtsende :                               
Zuspielung

Der Georgier Stalin hatte Deutschland geteilt, der Georgier Schewardnadse hat es geeint. Was aber wird aus Georgien? Die von Russland unabhängige Existenz ist ungewisser denn je zwischen derzeitigem Ausnahmezustand und Präsidentschaftswahlen am 6. Januar.





 
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