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Norbert Schreiber (Hg.)
Anna Politkowskaja - Chronik eines angekündigten Mordes
Englische Broschur
256 Seiten
EUR 19,80 / sfr 33,60

Die Ermordung Anna Politkowskajas am 7. Oktober 2006 erregte nicht nur in unseren Medien sondern auch in weiten Kreisen der westlichen Bevölkerung großes Aufsehen. So deutlich wie nie zuvor wurde den Menschen mit dem gewaltsamen Tod der russischen Journalistin klar, wie weit das vom Kommunismus befreite Russland unter seinem Präsidenten Wladimir Putin von dem entfernt ist, was man im Westen unter der Einhaltung von Menschenrechten, Meinungs- und Pressefreiheit versteht.

 
Norbert Schreiber, langjähriger Reporter und Hörfunkjournalist für Politik und Zeitgesche-hen, hat ein Buch herausgegeben, in dem die Arbeit von Anna Politkowskaja und ihr Schicksal zum Symbol für den Zustand von Demokratie und Freiheit im heutigen Russland wird. Die Chronik eines angekündigten Mordes enthält neben Interviews und letzten, bislang auf Deutsch nicht veröffentlichten Reportagen Politkowskajas zahlreiche Beiträge zum Thema: Fritz Pleitgen (ehem. Moskau-Korrespondent der ARD), Irina Scherbakowa (MEMORIAL), Margareta Mommsen (Politikwissenschaftlerin) und Rupert Neudeck (Gründer der Hilfsorganisation CAP ANAMUR und des internationalen Friedenskorps GRÜNHELME) untersuchen Ursachen und Folgen des politischen Mordes. Der russische Filmemacher und Dramatiker Andrei Nekrasov warnt vor dem Gespenst des Nationalismus, das in Russland umgeht. Natalia Liublina porträtiert Anna Politkowskaja mit den Augen einer Russin, und der Journalist Harald Loch beschreibt ihre journalistischen Arbeiten und Buchveröffentlichungen.

Zum Herausgeber:

Norbert Schreiber ist Journalist und im Programmbereich Kultur, Bildung, Wissenschaft des Hessischen Rundfunks tätig. Er initiierte die Organisation Leben nach Tschernobyl e.V., der er bis heute als Mitglied angehört und die Projektträger des Kinderheims für Tschernobyl-Kinder in Belarus, Nadeshda, ist. Für dieses Projekt erhielt er den Robert-Bosch-Preis für ehrenamtliches Engagement in Osteuropa. Buchveröffentlichungen u.a. Verstrahlt  Vergiftet  Vergessen. Die Opfer von Tschernobyl nach zehn Jahren
(Insel Verlag). 

Sie kämpfte mit friedlichen Mitteln. Mit Worten. Und schrieb gegen Terror, Krieg, Korruption. 

 Anna Politkowskaja wollte Frieden für Tschetschenien. Und starb durch Gewalt. 

„Viele Menschen in meinem Land bezahlen mit dem Leben, weil sie laut sagen, was sie denken.“

Anna Politkowskaja


Interview Anna Politkowskaja Buchmesse 2005

 Was erwarten Sie in bezug auf Ihre eigene Person, auch Sie sind ja gefährdet, auch Sie haben Morddrohungen, auch Sie müssen ständig damit rechnen mit einer Gegenwehr des russischen Staates?
 
 Na, ja ich versuche nicht daran zu denken und das auszublenden, weil ich ansonsten nicht arbeiten könnte, es wäre unmöglich Also blende ich diese Gedanken aus und sage, dass ich einfach das Schicksal derjenigen teile, die dafür kämpfen, daß demokratische Prinzipien in Russland endlich nstalliert werden und das Leben ein demokratisches wird, wobei es möglich ist, daß dieser Kampf nicht gut ausgeht. Aber das ist dann einfach so.  

 Sie kritisieren die Zwillingsbruderschaft von Putin und Kanzler Schröder, was würden Sie vom deutschen Bundskanzler erwarten, da richtet sich ja Ihre Kritik hin?

 Also im Prinzip erwarte ich nur eins , Putin ist ein Mensch, der im Grunde nur auf Kritik von außen reagiert und zwar auf Kritik von Menschen von dem Schlage eines Bundeskanzlers Schröder also nicht einfach auf Kritik vom Menschen auf der Straße, sondern von Menschen, die er ernst nimmt und die er für seinesgleichen hält. Wenn sie Sie so fragen, was ich von Schröder erwarte, dann erwarte ich eigentlich nur, daß er von Zeit zu Zeit doch mal Kritik anbringt und Putin kritisiert. 

 Und diese Erwartungen stellen sie auch an den Deutschen Bundestag, an das Parlament?

 Ja ich würde das Gleiche auch von Vertretern des Deutschen Bundestages erwarten und zwar, weil folgendes der Fall ist. Sehr sehr oft kommen zu uns in die Redaktion der Zeitung, zur „Nowaja gaseta“,  Mitglieder des Deutschen Bundestages auf eigenen Wunsch, sie melden sich an, sie möchten mit uns ein Gespräch haben, wir nehmen uns die Zeit, setzen uns hin, führen stundenlange Gespräche mit Ihnen erklären Ihnen Russland von A-Z, von vorne bis hinten, un was ist das Resultat es passiert nichts, rein gar nichts. Und sobald es um konkrete Fragen geht sobald man anfängt zu fragen könnten sie irgendwie dazu beitragen, daß es Verhandlungen gibt oder dass es ein Treffen gibt von den Soldatenmüttern und Vertretern des tschetschenischen Widerstandes, kommt automatisch eine negative, eine ablehnende Antwort .

 Wie ist die Lage im Augenblick in Tschetschenien, wie würden Sie sie beschreiben?

 Also die Situation in Tschetschenien hat sich entscheidend geändert seit dem achten März, seit dem Tod Maschadows dem legitimen Präsidenten der tschetschenischen Republik Itschkiria was einfach heißt, daß der gemäßigte Flügel der zu Verhandlungen bereit war so gut wie keine Vertreter mehr hat. Wo jetzt ganz eindeutig die Radikalen die Oberhand einnehmen, gewinnen werden. Das heißt einfach wir haben nächste Terroranschläge zu erwarten.

 Sie sprechen von einer politischen Lösung, von einem aktiven Friedensprozess. Können Sie kurz skizzieren, was Sie konkret damit meinen, Welche Forderungen erheben Sie. Welche Entwicklungen müssten eingeleitet werden, daß es zu einer solchen aktiven Friedenslösung kommt?

 Also, es ist im Prinzip sinnlos, jetzt darüber nachzudenken oder darüber zu sprechen oder überhaupt von einem Friedensprozess, weil sich seit dem achten März alles geändert hat und die Voraussetzungen nicht mehr gegeben sind. Man muss im Prinzip ganz anders und ganz neu ansetzen. Ich habe nach Beslan Putin meinen Ansatz geschickt. Der Plan basierte darauf, daß es Präsident Maschadow gibt. Mit dem Moment, daß Maschadow einfach umgebracht wurde kann man bei Null wieder anfangen und nach einer neuen Lösung suchen aber, die habe ich jetzt nicht, und kann deshalb auf diese Frage jetzt nicht antworten 

Interview Norbert Schreiber mit Anna Politkowskaja am 17.März 2005 in Leipzig



Diskussionsrunde bei der Buchvorstellung in der Akademie der Künste Berlin: Wolfgang Herles zdf-Aspekte (links) Irina Scherbakowa MEMORIAL Moskau und Norbert Schreiber


Einleitungstext

 
Einleitung Norbert Schreiber
Leben – Tod – Erinnerung
Chronik eines angekündigten Mordes

Leipzig. Zeit der Bücherschau. 17. März 2005. Am Vormittag hat Anna Politkowskaja ihr neues Buch der internationalen Presse vorgestellt, im Rubinsaal des Hotels „Fürstenhof“. Das aristokratische Ambiente passt nicht zu der bescheidenen Autorin. Fürstenhöfe sind ihre Sache nicht, ebenso wenig die großen Auftritte. Wir treffen uns am Nachmittag in einem nüchternen Interviewzimmer der Messeverwaltung, das uns freundlicherweise von der Leitung für ein ruhiges Gespräch, abseits des Medienrummels, zur Verfügung gestellt wird.

Anna Politkowskaja arbeitet eben lieber im Hintergrund, ohne pompöse Medienpräsenz, für die in Moskau erscheinende Zeitung „Nowaja Gaseta“.

Natalia Liublina übersetzte die Texte von Anna Politkowskaja








ZDF-Aspekte-Chef moderierte die Diskussion

Seit Beginn des „Zweiten Tschetschenien-Krieges“ berichtet sie in kritischen Reportagen – unter ständiger Gefährdung ihres Lebens – aus der Kaukasusrepublik. So offen, so ehrlich, so kritisch, dass ihre Worte, ihre Sätze, ihre Interpretationen sie zu einer politischen Unperson in Russland gemacht haben.

Die Themen der engagierten Journalistin sind die massiven Menschenrechtsverletzungen, die Kriegsverbrechen der russischen Militärs, der Terror der kaukasischen Milizen, Folter, Hinrichtungen, Korruption und das Verschwinden von Zivilisten, die in die Kriegsauseinandersetzungen verwickelt worden sind. 

Für russische Armee- und Regierungskreise ist die Politkowskaja ein rotes Tuch, weil sie unerschrocken und unablässig über Tschetschenien berichtet. Ungeschminkt. Klar. Wahr. Und immer wieder behindern dabei anonyme Kräfte ihre Arbeit. Vor den Mächtigen kuscht sie aber nicht, sie bleibt ehrlich, unbeugsam, kompromisslos, eine „Ikone“ der Moral.

Anna Stepanowa Politkowskaja ist in New York geboren. Ihre Eltern sind ukrainischer Abstammung und waren bei den Vereinten Nationen im diplomatischen Dienst der ehemaligen UdSSR beschäftigt. Politkowskaja studiert Journalismus an der Moskauer Universität und legt 1980 ihr Examen ab.

Von 1982 bis 1993 arbeitet sie bei verschiedenen Zeitungen und Verlagen, schreibt Artikel unter anderem in der „Iswestija“ und der Zeitschrift „Megapolis-Ekspress“, wechselt dann das Medium. Von 1994 bis Mitte 1999 ist sie als leitende Redakteurin für Notfall- und Krisensituationen, Kommentatorin und stellvertretende Chefredakteurin bei der Wochenzeitung „Obschtschaja Gaseta“ tätig.

Schon 2003 hat sie mit dem Buch „Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg“ die schrecklichen Gewaltszenen und Terrorakte buchstäblich ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Ihre journalistische Arbeit erregt international Aufmerksamkeit. Sie wird mit Preisen geradezu überhäuft und erhält den „Lettre Ulysses Award“ für die beste europäische Reportage, wird ausgezeichnet mit dem Olof-Palme-Preis, weil sie bei ihrem Einsatz für die Menschenrechte „Mut, oft verbunden mit erheblichen persönlichen Opfern und Risiken“, gezeigt habe.

Václav Havel und Hanan Ashrawi hatten den Olof-Palme-Preis vor ihr bekommen.

Sie ist Trägerin des Leipziger Medienpreises, den sie 2005 erhält. Dieser würdigt ihr „persönliches Engagement, mit Beharrlichkeit, Mut und demokratischer Überzeugung für die Sicherung und Entwicklung der Pressefreiheit“ eingetreten zu sein.

Zurück ins Interviewzimmer, wo wir zwischen modernen, nüchternen Stahl-Glas-Fassaden umso leidenschaftlicher diskutieren: über Attentate und Zerstörung, Macht und Politik, Freiheitsbewegungen, den Kampf einer einzelnen Journalistin und ihre Erfolgsaussichten in diesem mühevollen Einsatz für das Recht auf ein Leben ohne Gewalt und Terror – in Frieden.

Die Einladung zur Verlagspräsentation ihres neuen Buches zeigt auf der Umschlagsseite („In Putins Russland“) einen energischen Präsidenten Wladimir Putin, mit streng nach vorn gerichtetem Blick, auf rotem Teppich, zaristisch-majestätisch einherschreitend. Links und rechts reiht sich das Claque-Publikum in festlicher Kleidung, dem „Medienpräsidenten“ Russlands kräftig applaudierend, Verbeugung vor „Zar Putin“.

Was so repräsentativ, so fürstenhöfisch wirkt, verkehrt sich im Inneren des Buches in sein völliges Gegenteil. Anna Politkowskaja beschreibt die Putin’sche Präsidentschaft:

Und schließlich die dritte Umbruchzeit unter Putin. Vor dem Hintergrund einer neuen Phase des russischen Kapitalismus mit unübersehbar postsowjetischem Anstrich. Eines ökonomischen Modells, das der Herrschaftszeit des zweiten Präsidenten Russlands ganz und gar entspricht und gekennzeichnet ist durch einen eklektischen Mix aus Markt und Dogma, eine Vermischung von allem mit allem. Wo es beträchtliche Mengen an disponiblem Kapital gibt und ebenso viel typisch sowjetische Ideologie, die diesem Kapital Vorschub leistet, sowie noch mehr Verarmte und Mittellose. Außerdem erlebte die alte Führungskaste der Nomenklatura einen neuen Aufschwung. Diese breite Schicht sowjetischer Staatsfunktionäre, die wieder in ihre Funktion eingesetzt wurde und sich an die neuen ökonomischen Bedingungen sehr schnell und nur allzu gern anpasste. Die Nomenklatura will jetzt genauso üppig leben wie die „neuen Russen“, und das bei verschwindend geringen offiziellen Gehältern; sie will um keinen Preis der Welt die neue Ordnung gegen die alte sowjetische eintauschen, doch so ganz geheuer ist ihr diese neue Ordnung mit ihrem von der Gesellschaft immer nachdrücklicher eingeklagten Streben nach Recht und Ordnung nun auch wieder nicht, also verwendet sie einen Großteil ihrer Zeit darauf, sich unter Umgehung von Recht und Ordnung persönlich zu bereichern. Mit dem Ergebnis, dass die Korruption unter Putin ein beispielloses Ausmaß erreichte, von der neuen, alten Putin’schen Nomenklatura zu einer Blüte geführt, wie sie weder zur Zeit der Kommunisten noch unter Jelzin denkbar war.

Anna Politkowskaja schockiert mit realistischen Schilderungen der schrecklichen Kriegszerstörungen in Tschetschenien. Ihre zahllosen Reportagen über Reisen in den Nordkaukasus sind packend, aufwühlend, provozierend. Sie pflegt intensive Kontakte zu Untergrundkämpfern, Flüchtlingen, russischen Soldaten, Zivilisten. Ihre Reportagen zeigen das Gewaltszenario, ein Inferno des täglichen Terrors.

Die mit Leidenschaft geschriebenen Reportagen machen die international anerkannte Journalistin zu einer ausgesprochenen Gegnerin des russischen Macht- und Sicherheitsapparates und zu einer direkten Widersacherin oder gar Feindin Putins.

Im seinem neuautoritären Staat herrscht das alte Führerprinzip: im Inneren Autokratie und Rechtlosigkeit, nach außen extremer Nationalismus. Staatliche Willkür, Geheimdienstmethoden, Militäraktionen und überwachte Wirtschaft – das sind die Elemente eines Restaurationskurses, der Russland wieder zu einem Global Player ermächtigen will.


Der Präsident der Akademie Klaus Staeck begrüßte die Gäste und Presse

Die Presse unter Kuratel, kritische Journalisten angefeindet, bekämpft, ja verfolgt. Sie werden getötet, verlieren ihre Jobs oder müssen sich in langwierigen Gerichtsverfahren gegen Angriffe verteidigen.

Das Zentrum für Journalisten in extremen Situationen weist in seiner Statistik mehr als zweihundert Journalisten als Todesopfer aus. Sie wurden erschossen, erschlagen, vergiftet, erwürgt, bei Bombenanschlägen in die Luft gesprengt, oder sie sind einfach spurlos verschwunden. Aber es sind nicht nur Journalisten, die ihr Leben lassen, auch Vertreter des Staates werden ermordet, neun Bürgermeister und ihre Stellvertreter, vier Gouverneure und Kandidaten, regionale Verwaltungschefs, Angehörige der Geheimdienste, Banker und Geschäftsleute. Und im Exil lebende Agenten oder Überläufer sowieso. 500 bis 800 Auftragsmorde werden pro Jahr in Russland registriert.

Pressefreiheit ist kein hohes Gut in Russland. Es fehlt am rechtsstaatlichen Verständnis. Der mangelnden Ausbildungsqualität im Journalismus steht zudem die fehlende Transparenz der Bürokratie gegenüber. Die Politik erwartet gläubige Jubeljournalisten, Kritiker werden zum Schweigen gebracht, mit unverhüllten Drohungen, dem Zwang, ins Exil zu flüchten, durch unrechtmäßige Gefängnisaufenthalte ohne rechtsstaatliche Gerichtsverfahren oder politischen Mord. Auch westliche Korrespondenten werden durch Drohanrufe eingeschüchtert. Kritische Meinungen im Internet auf Websites, in Weblogs oder im Mail-Verkehr unterliegen offenbar ebenfalls intensiver Überwachung durch Geheimdienste.

Die Soziologin Olga Kryschtanowskaja, die als Wissenschaftlerin die Elitenbildung in Russland untersucht, geht davon aus, dass eine große Zahl von KGB-Offizieren in Unternehmen, Banken und Sicherheitsfirmen untergeschlüpft ist: „Dieses KGB-Netz wurde von der Macht für neue Aufgaben aktiviert. In den Machtstrukturen haben zudem bis zu drei Viertel aller Vertreter Beziehungen zu Geheimdiensten. Bei mehr als einem Viertel der Staatsfunktionäre wird in der Vita offiziell angegeben, dass sie eine KGB-Vergangenheit haben.“
 
Anna Politkowskajas kräftezehrende Mission, die sie von nun an mit der ganzen Kraft ihrer Person in Anspruch nimmt, lautet daher, die Zustände dieses Russland und die ungeschminkte Wahrheit über Tschetschenien schonungslos und ohne Rücksicht auf die eigene Gefährdung ans Tageslicht zu bringen, damit die Weltöffentlichkeit sie endlich zur Kenntnis nimmt – und vor allem handelt.

Sie besitzt das Vertrauen vieler Tschetschenen, sodass es eigentlich niemanden verwundert, dass sie als Mutter von zwei Kindern anbot, beim Geisel-Drama im Moskauer Dubrowka-Theater zu verhandeln. Doch russische Spezialeinheiten haben das Geiseldrama im Morgengrauen längst ohne sie – blutig – beendet. Neben fünfzig tschetschenischen Rebellen werden auch über neunzig Geiseln getötet. Das war 2002.

Zwei Jahre später will sie in das nordossetische Beslan fliegen, um bei einer anderen Geiselnahme zu vermitteln, in der tschetschenische Rebellen in der Mittelschule 1300 Erwachsene und  Schulkinder als Geiseln festhalten. Auch dieser Terrorakt endet blutig: Während der offenbar planlosen Erstürmung durch Sicherheitskräfte werden nach offiziellen Angaben mindestens 331  Menschen getötet und 704 verletzt, darunter mehr als zweihundert Kinder. Anna Politkowskaja kann das blutige Drama nicht verhindern. Und das hat seinen Grund in einem rätselhaften Zwischenfall.

In der Abflughalle des Moskauer Flughafens spricht ein Unbekannter die Journalistin an und gibt ihr mit Komplimenten zu verstehen, er sei ein großer Bewunderer ihrer journalistischen Arbeit, er würde sie gerne persönlich in das Flugzeug begleiten. Politkowskaja besteigt einen Kleinbus, in dem drei unbekannte Männer sitzen, die mutmaßlich dem Geheimdienst angehören. Als Anna Politkowskaja an Bord einen Tee trinkt, bricht sie zusammen und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Akute Lebensgefahr. Die Ärzte vermuten, dass eine Vergiftung vorliegt, können aber kein Gift nachweisen. Ein Mordversuch, ein Warnschuss, ein dummer Zufall? Anna Politkowskaja glaubt an einen Giftanschlag.

Welche Parallele: Während ich an diesem Vorwort schreibe, stirbt in London ein ehemaliger Mitarbeiter des FSB an den Folgen eines Giftanschlags mit dem radioaktiven Stoff Polonium. Auch er hatte „Teatime“ mit zwei Russen.

Alexander Litwinenko war früher selbst Oberstleutnant des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB und ein scharfer Kritiker des russischen Präsidenten. Litwinenko beschuldigt Wladimir Putin, in den Fall Politkowskaja verwickelt zu sein.

In einer Sushi-Bar traf Litwinenko mit den Geschäftsleuten und früheren Angehörigen des Geheimdienstes Andrei Lugowoi und Dimitri Kowtun zusammen, ebenso mit dem Italiener Mario Scaramella, der gleichfalls dem Geheimdienstmilieu zugerechnet wird.

Litwinenko soll sich auch mit dem Tod der Journalistin Politkowskaja beschäftigt haben. Angeblich hat Scaramella ihm Unterlagen dazu gegeben. Darin werden Spezialeinheiten des FSB verdächtigt, die Urheber des Mordes an Anna Politkowskaja gewesen zu sein. Litwinenko und der Oligarch Beresowski sollen als mögliche weitere Anschlagsopfer benannt worden sein.

Litwinenko wird nach dem Treffen mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus gebracht. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich von Tag zu Tag. Litwinenko behauptet in einem BBC-Interview, Opfer eines Giftanschlags geworden zu sein. Das vorläufige Ergebnis der Ermittlungen: Alexander Litwinenko ist mit einer hohen Konzentration der radioaktiven Substanz Polonium-210[1] vergiftet worden. Beamte fanden Spuren davon in einem Sushi-Restaurant und im Hotel „Millennium“, in dem Litwinenko sich zuletzt aufgehalten hatte, bei mehreren Kontaktpersonen, die sich mit Litwinenko getroffen hatten, an zwölf weiteren Orten in London und anderswo, unter anderem im Büro des Milliardärs und Putin-Feindes Boris Beresowski, bei der Sicherheitsfirma Erinys, in mehreren Flugzeugen der British Airways. Die Vergiftung Litwinenkos mit Polonium führte zu einem Ermittlungsverfahren der britischen Sicherheitsbehörden und der Generalstaatsanwaltschaft Russlands wegen Mordes und Mordversuchs unter „Zuhilfenahme eines allgemeingefährlichen Mittels“. 

Am 9. Dezember entdeckt die Polizei Poloniumspuren in Hamburg, wo sich Litwinenkos Kontaktmann Kowtun bei seiner ehemaligen Frau Marina aufgehalten hatte. Auf einem Bauernhof und im Wagen Kowtuns fanden sich Poloniumspuren. Er war nach eigenen Angaben mit Litwinenko in Kontakt getreten, um Öl- und Gasgeschäfte abzuwickeln. Litwinenko sollte dafür Firmenkontakte herstellen.

Die Ermittlungsbehörden haben im Laufe ihrer Recherche eine Gruppe von fünf Russen ausgemacht, die mit vielen anderen Fans nach London gereist war, um sich das Champions-League-Spiel „Arsenal“ gegen „ZSKA Moskau“ anzusehen – an diesem Tag begann das dreiwöchige Sterben Alexander Litwinenkos. 

Litwinenko hatte schon einmal erhebliches Aufsehen erregt, als er den Medien mitteilte, er sei beauftragt worden, den Oligarchen Beresowski zu ermorden. In einem Buch hatte er später auch behauptet, Putins Geheimdienst habe die Sprengstoffanschläge auf Moskauer Wohnhäuser 1999 selbst inszeniert. Mutmaßungen, Anschuldigungen, aber Beweise fehlen. 246 Menschen fanden damals den Tod.

Daneben soll eine Todesliste zirkulieren, die von angeblichen FSB-Offizieren und Veteranen des KGB erstellt worden sei. Die Organisation „Fonds ‚Ehre und Würde‘ der Veteranen des russischen Auslandsgeheimdienstes“ widersprach aber den Anschuldigungen, die von einem übergelaufenen Agenten lmarjow geäußert worden waren. Die Organisation kündigte gegen die Vorwürfe auf internationaler Ebene juristische Schritte an.

 „Es ist ganz eindeutig: Sie arbeiten eine Liste ab. Der Staat hat sich zu einem Serienkiller entwickelt.“

Alexander Litwinenko
 
Litwinenko hat wenige Tage vor seinem Tod in einer Erklärung den russischen Präsidenten Putin für seine Vergiftung verantwortlich gemacht: „Sie mögen Erfolg damit haben, einen Mann zum Schweigen zu bringen, doch die Protestschreie aus der ganzen Welt werden Ihnen, Herr Putin, bis ans Lebensende in den Ohren klingen. Sie haben sich genauso barbarisch und unbarmherzig gezeigt, wie es Ihre schlimmsten Kritiker behaupten“, heißt es im Testament Litwinenkos.

Am 23. November 2006 stirbt er um 21.21 Uhr an einem Herz- und Kreislaufversagen infolge der Strahlenschäden.

 „Solche Spekulationen sind unbegründet“, wies Präsident Putin die Anschuldigungen am Rande eines Gipfeltreffens in Helsinki zurück. Putin bezeichnete den Tod Litwinenkos als eine Tragödie. Er habe der Familie sein Beileid ausgesprochen, und er sei bereit, der britischen Regierung jede Unterstützung bei der Aufklärung zukommen zu lassen. Es gebe eine Tendenz, auf Morde in Russland zu zeigen, solche Verbrechen in anderen Ländern aber zu ignorieren. Der ehemalige FSB-Vorgesetzte Litwinenkos Jewgeni Sowostianow kommentierte in einem Fernsehinterview von SPIEGEL-TV, es sei absurd zu meinen, der FSB würde einen  einflusslosen Agenten auf so skandalöse Art und Weise töten und damit das „erste Beispiel für Atomterrorismus“ liefern.

Bei einer Diskussionsveranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik behauptet Putins Wirtschaftsberater Igor Schuwalow, Feinde des Kremls stünden hinter den Morden. „Ihr Ziel: Sie wollten Putin mit Hilfe dieser durchdachten Provokation diskreditieren. Es gibt starke Gruppierungen, die sich vereinigt haben, um den Präsidenten und dessen Kurs ständig zu attackieren.“ Juristische Kreise in Moskau sehen „reiche russische Exilanten“ als Hintermänner.

Presseberichte schließen auch die Möglichkeit nicht aus, dass Litwinenko beim Schmuggel radioaktiver Stoffe für den Bau einer schmutzigen Bombe verstrahlt worden ist. Andere Geheimdienstquellen gehen von einer organisierten, zielgerichteten Diskreditierung Russlands im Vorfeld des Machtkampfes um die Putin-Nachfolge aus. Die „Nowaja Gaseta“ legt eine Eigenrecherche vor, zum FSB gebe es Parallelstrukturen, die im Interesse des Staates Gegner ausschalten, das seien Sondereinsatzgruppen der Geheimdienste, die heikle Aufträge übernähmen, rekrutiert aus den Kreisen von Privatdetekteien oder Wachfirmen, die Personal aus dem Geheimdienstmilieu beschäftigen.

Der ehemalige Bundeskanzler und Kuratoriumsvorsitzender für die Ostseepipeline Gerhard Schröder lobt Putin, der Russland innen- und außenpolitisch zur Stabilität zurückgeführt habe.

Defizite bei der Demokratisierung seien unbestritten, Morde wie an der regimekritischen Journalistin Anna Politkowskaja seien bedauerlich, die Täter gehörten bestraft. Allerdings werde auch in anderen Ländern gemordet. Und nicht in Ordnung sei es, wenn bei jedem Mordfall reflexartig dem Kreml und Putin die Schuld gegeben werde.

Der Architekt der Ostpolitik Egon Bahr zitiert bei der öffentlichen Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik im Beisein Gerhard Schröders George Bush senior: „Was spricht dagegen, dass Russland seine eigene Form der Demokratie herausbildet? Geben wir ihnen doch die notwendige Zeit dafür.“ Schröders Zitat vom „lupenreinen Demokraten“ aufgreifend, sagt Bahr, er würde Putin nie einen Musterdemokraten nennen. Der Altkanzler entgegnet, er habe nichts zurückzunehmen. Schröder der „Russland-Flüsterer“.

Anna Politkowskaja macht einen sehr ernsten, fast verschlossenen Eindruck, als ich sie zu unserem Interview begrüße. Sie hat eine vertraute Dolmetscherin mitgebracht, die schnell und präzise meine Fragen übersetzt. Anna Politkowskaja antwortet kurz, ohne auszuschweifen und die Dolmetscherin dabei zu überfordern. Die Journalistin steht unter einem sehr starken Druck, den sie hinter einem fast geschäftsmäßigen Ton versteckt; ihr Sprechen wirkt depressiv, ihre Gesten ermüdet. Nicht verwunderlich, wenn man sich täglich dem Grauen der Welt und insbesondere dem in Tschetschenien widmet. Der ehemalige Mann der Ermordeten, der renommierte Fernsehjournalist Alexander Politkowski, meint: „Anna lebte wie auf einem Vulkan.“

Als ob eine Vorahnung mich leiten würde, stellt sich bei mir das Gefühl ein, dies könnte unser erstes und letztes Interview sein; ich frage daher Anna Politkowskaja, wie sie den Druck aushalte und wie sie die ständige Bedrohung verkraften könne – es wird die Frage nach dem „angekündigten Mord“:

Viele Menschen in meinem Land bezahlen mit dem Leben, weil sie laut sagen, was sie denken. Ich versuche, nicht daran zu denken, weil ich ansonsten nicht arbeiten könnte, es wäre unmöglich. Also blende ich diese Gedanken aus und sage, dass ich einfach das Schicksal derjenigen teile, die dafür kämpfen, dass demokratische Prinzipien in Russland endlich installiert werden und das Leben ein demokratisches wird, wobei es möglich ist, dass dieser Kampf nicht gut ausgeht. Aber das ist dann einfach so.

Am 8. Oktober 2006 endet die Meldung der Deutschen Presse-Agentur, die biografischen Daten von Anna Politkowskaja zusammenfassend, in der nüchternen Prosa von Nachrichtenagenturen:

7. Oktober 2006. Samstagnachmittag. Ein unbekannter Mann hat sich in das Wohnhaus von Anna Politkowskaja geschlichen. Sie lebt in einer zehnstöckigen Mietskaserne, die noch aus der Stalin-Zeit stammt. Adresse Lesnaja Uliza Nr. 8. In dieser Straße gibt es noch ein paar revolutionäre Überbleibsel, zum Beispiel ist im Haus Nr. 55 die Untergrunddruckerei der RSDRP (der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei) untergebracht, die während der ersten Revolution dort arbeitete. Unerkannt, im Untergrund. Früher war die ganze Stadt gespickt mit solchen kleinen Revolutionsmuseen. Nur wenige davon sind noch übrig geblieben.

Das Wohnhaus von Anna Politkowskaja ist ein schäbiges Gebäude, mit Steinquadern errichtet. 16.05 Uhr. Der Mörder wird von einer Videokamera gefilmt: ein junger Mann mit Baseballkappe, dunklem Hemd und dunkler Hose. Er ist durch die zweite Tür ins Haus gekommen und erwartet auf halber Treppe sein Opfer.

Anna Politkowskaja kommt aus dem „Ramstore“-Einkaufsmarkt. Von dort aus ist sie schon von einer unbekannten Frau verfolgt worden. Das zeigen Aufzeichnungen anderer Überwachungskameras. Anna Politkowskaja hat zwei Tüten in ihre Wohnung getragen. In ihrem silbernen Lada, der vor dem Eingang geparkt ist und in dem ihre Tochter sitzt, liegen noch Einkaufstüten, die sie in ihre Wohnung tragen möchte. Ein paar Lebensmittel, etwas Gemüse, Sanitärartikel. Anna Politkowskaja will mit dem Lift ein drittes Mal nach oben fahren. Sie hat den Rufknopf gedrückt, kommt aber nicht mehr dazu, den Fahrstuhl zu betreten. Als sich die Lifttür öffnet, fallen drei Schüsse – zwei treffen sie dicht neben dem Herz, die dritte Kugel zerfetzt ihre Schulter. Dann gibt der Mörder einen gezielten Schuss in den Kopf ab, den sogenannten „Kontrollschuss“. Das Opfer war längst tot. Am Ort des Mordanschlags finden die Ermittler neben der Handfeuerwaffe, Marke Makarow-Pistole, vier Patronenhülsen. Dieser Typ war als Ordonnanzpistole in der Sowjetarmee eingesetzt.

Anna Politkowskaja wurde auf dem Trojekurow-Friedhof im Südwesten Moskaus beigesetzt. Auf einem orthodoxen Holzkreuz ist ihr Name eingeritzt. Sie wurde 48 Jahre alt.

Wladimir Lukin, der russische Menschenrechtsbeauftragte, zeichnete Anna Politkowskaja posthum mit der Menschenrechtsmedaille aus. Es wirkt wie eine Verlegenheitsgeste.

 „Nowaja Gaseta“

Zweimal in der Woche erscheint die „Nowaja“ in Moskau. Wie viele Zeitungen existieren auf der Welt, die eine Todesliste für die eigenen Redakteure und Reporter führen müssen? Die „Nowaja Gaseta“ hat seit dem Gründungsjahr 1999 schon drei Journalisten verloren, weil das Blatt immer und immer wieder, trotz Einschüchterungsversuchen, die unheilige Allianz von Macht, Wirtschaft und organisiertem Verbrechen ans Tageslicht bringt.

Dreißig Redakteure arbeiten für das unabhängige „Organ“ der Opposition. Im Redaktionsteam fehlen neben Politkowskaja zwei weitere Kollegen. Der eine hieß Igor Domnikow, für die Enthüllungsstorys zuständig; er stirbt im Treppenflur seines Hauses durch mehrere Hammerschläge auf den Kopf. Domnikows Berichte waren zu nah am Bandenwesen in Zentralrussland. Das zweite Opfer trug den Namen Juri Schtschekotschichin. Er berichtete über Schmuggelgeschäfte, in die Geheimdienstgeneräle verwickelt gewesen sein sollen. Der Journalist stirbt an einer „nicht identifizierbaren chemischen Substanz“ und einer allergischen Schockreaktion. Handelt es sich auch in diesem Fall um eine Vergiftung, wie westliche Medien und politische Freunde des Verstorbenen vermuten?

Das dritte Opfer der unabhängigen, oppositionellen Wochenzeitung „Nowaja Gaseta“: Anna Politkowskaja.

Wer hat Anna Politkowskaja ermordet? Waren es Polizisten oder Soldaten aus dem Tschetschenien-Krieg, die Rache an ihr verüben wollten? Waren es Untergrundkämpfer, die aus dem Lager der Tschetschenen ins prorussische Lager übergewechselt sind? Oder handelt es sich um russische Nationalisten, denen daran gelegen ist, Staat und Gesellschaft zu destabilisieren? Wollen nationalistische Kräfte das Putin-Russland unterminieren? Nehmen Angehörige des Geheimdienstes Rache? Ist ein Machtkampf um die Putin-Nachfolge im Gang? Oder streifen Todesschwadronen durch Russland, eine marodierende Bande aus Geheimdienstlern a. D. und ehemaligen Tschetschenien- und Afghanistan-Kämpfern, von Putin längst nicht mehr kontrollierbar? Haben tschetschenische Banden den Mordanschlag verübt, oder waren es korrupte Beamte, die sich von Politkowskaja beobachtet fühlten und den Mord bei Agenten des FSB in Auftrag gegeben haben? Muss die Russen-Mafia zum Täterkreis gerechnet werden, oder haben sich Exilrussen gerächt? Der Reigen der Feinde Politkowskajas war und ist groß. Am Ende lautet die wichtigste Frage: Bleiben die Täter in der Anonymität? Oder werden sie ihrer gerechten Strafe zugeführt sein, wenn dieses Buch erschienen ist oder erst irgendwann später? Oder nie? Es spricht viel dafür, dass die Ermittlungen im Sande verlaufen, denn kaum ein Mord an Journalisten wird aufgedeckt und vor ein ordentliches Gericht gebracht. Wer fragt nach Schuld und Sühne?

Russland befindet sich in der geschichtlichen Phase der „Neuen Revolution“, in einer Epoche der Deindustrialisierung, so der Philosoph Boris Groys. Das Land versinkt im Rausch des Konsum-Kapitalismus und ist der Verschwendung und Massenkultur anheim gefallen. Der deutsche Philosoph Rüdiger Safranski spricht von einer „Beschleunigungsdiktatur“ und einer „Kriminalgeschichte des Kapitalismus“.

 Erinnerung

So sind die Rituale der Mediengesellschaft. Der Mordanschlag auf eine Journalistin beherrscht einige Tage lang die Schlagzeilen, dann rücken die Meldungen auf die hinteren Zeitungsseiten, für die elektronischen Medien schon am Tag danach kein „Aufreger“ mehr, wie es neuerdings im Branchenjargon heißt. Journalisten sterben bei Mordanschlägen, und die Pressefreiheit stirbt gleich mit.

„Reporter ohne Grenzen“ forderte in einer Petition, sofort eine unabhängige Untersuchungskommission auf internationaler Ebene unter dem Mandat der Vereinten Nationen oder des Europarates einzusetzen. In zwei Stellungnahmen heißt es zusammengefasst:

„Wir alle waren und sind geschockt vom Mord an Anna Politkowskaja, ihre Berichte über den Machtmissbrauch von Putins Behörden und gegen den ‚dreckigen Krieg‘ in Tschetschenien haben sie sowohl in Russland als auch im Westen zu einem Symbol des demokratischen Gewissens gemacht … Mit ihrer Ermordung hat in Russland eine neue Ära des Schreckens begonnen … Mit ihrer Ermordung wurde sie auf die brutalste Art und Weise zum Schweigen gebracht. Russlands demokratisches Gewissen wurde getötet … Trotz der scharfen Reaktionen der internationalen Gemeinschaft auf den Mord wissen wir, dass eine Tragödie wie diese viel zu schnell vergessen wird, denn andere schreckliche Ereignisse lösen sie ab. Doch wir dürfen Anna nicht vergessen und fordern Gerechtigkeit für sie.“

Tausende von Menschen unterschreiben diese Petition. Zu den Unterzeichnern gehören prominente ehemalige Dissidenten wie Jelena Bonner, Wladimir Bukowski oder Bronislaw Geremek, die Anklägerin vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag, Carla del Ponte, die Politiker Bernard Kouchner und Daniel Cohn-Bendit, die Philosophen André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy, die Schriftsteller Fernando Arrabal und Ismaïl Kadaré, Margaret Atwood sowie die Schauspielerin Jeanne Moreau.

Wo bleibt der deutsche Protest?

Auch das Europäische Parlament hat die Ermordung von Anna Politkowskaja als „feiges Verbrechen“ verurteilt und hinzugefügt, die Repressalien nähmen in Russland in besorgniserregender Weise zu.

Auf den Tod von Anna Politkowskaja erfolgt nur Betroffenheitsrhetorik in Talkshows und meinungsstarkes Rauschen im deutschen Blätterwald – aber kaum weitere offizielle Reaktionen auf dem internationalen politischen Parkett, von einigen Mahnungen abgesehen. Erst nach dem Tod Litwinenkos bequemt sich die Politik, auch den Tod von Anna Politkowskaja noch einmal zu erwähnen und um Aufklärung zu bitten. Eine öffentliche Lesung aus ihren Werken in der Berliner Akademie der Künste wird veranstaltet, immerhin. Ein paar Gedenkveranstaltungen. Mehr aber nicht.

 „Sie war eine besondere Journalistin, die in ihrer Arbeit nicht nur eine Berufung sah, sie betrachtete ihren Beruf auch als Pflicht, und sie wurde von außerordentlich hohen moralischen Werten geleitet; sie war tatsächlich das Gewissen unseres Journalismus, und deshalb habe ich bei ihrem Begräbnis auch gesagt: Man hat unser Gewissen erschossen.“

Jasen Jasurski, Fakultät für Journalismus, Universität Moskau

Wo bleibt der öffentliche Protest der internationalen Organisationen?

Schweigen auf dem innenpolitischen Parkett in Deutschland! Kommunikationsroutine!

Haben Journalistenorganisationen zu den Ereignissen keinen eigenen Debattenbeitrag zu leisten?

Wo sind die Proteste der Künstler, der Theater- und Filmemacher? Nur Einzelne melden sich zu Wort. Die Reaktionen bleiben dürftig.

Verharren wir in einer Betroffenheitspose und fürchten uns nur vor der Kritik am Energielieferanten Russland?

Hat uns die Zivilcourage in den westlichen Demokratien nun vollends verlassen?

Wo bleiben die Demonstranten und die Reaktionen der Gorbi-Freunde von einst, die darauf hinweisen, dass sich hier ein Mensch, die Mutter zweier Kinder, um der Wahrheit willen geopfert hat?

Reicht es, wenn Menschenrechtsorganisationen für uns stellvertretend „Presse-Statements“ formulieren, die nicht mehr als Nachrichtenfutter für die internationalen Newsagenturen sind – am nächsten Tag schon vergessen?

Ein Freund des tschetschenischen Volkes, der französische Philosoph André Glucksmann, hat als Einziger praktisch gehandelt und inzwischen einen europäischen Studentenaustausch organisiert: „Die Mörder arbeiten bei Nacht und Nebel und verbrennen die Bibliotheken; es ist an uns, geistige Brücken zu bauen. Die Feinde der Freiheit haben Anna ermordet, aber ihr Kampf um die Wahrheit geht weiter. Zum Beispiel mit den jungen Leuten von ‚Studieren ohne Grenzen‘.“

In Deutschland hielt sich leider die politische und mediale Aufmerksamkeit gerade so lange, wie Polonium auch in Hamburg als Spur auftauchte und sich die Öffentlichkeit wegen der radioaktiven Kontamination um die Sicherheit im internationalen Reiseverkehr sorgte.

Solche Beobachtungen, Fragestellungen und Einschätzungen haben mich dazu motiviert, das vorliegende Buch herauszugeben, und ich konnte dafür sofort Mitstreiter finden, die, ohne dass es besonderer Überzeugungskraft bedurft hätte, sich bereit erklärten, an diesem Vorhaben mitzuwirken. Dafür danke ich allen Autoren, vor allem auch dem Verleger Lojze Wieser und den vielen Helfern, die diese Publikation möglich gemacht haben. Besonderer Dank gilt auch meiner Frau Elisabeth Schreiber, die mir mit wertvollen Hinweisen geholfen hat.

Fritz Pleitgen, Intendant des Westdeutschen Rundfunks und langjähriger Korrespondent der ARD in Moskau, beantwortet die Fragen, warum die Gleichgültigkeit der internationalen Politik kein gutes Zeichen ist, warum sich aus der Bürgerrechtsbewegung der Dissidenten noch keine Zivilgesellschaft entwickelt hat und ob das Werk Politkowskajas positiv nachwirken kann.

Irina Scherbakowa arbeitet als Historikerin, Publizistin und Übersetzerin in Moskau und Berlin. Ende der siebziger Jahre begann sie ihre Sammlung von Tonbandinterviews mit Opfern des Stalinismus, seit 1991 forscht sie in den Archiven des KGB. Sie ist Professorin für Zeitgeschichte an der Moskauer Afanassjew-Universität und gehört der von dem Dissidenten und Bürgerrechtler Andrei Sacharow gegründeten Organisation „Memorial“ in Russland an. Aufklärung und Erinnerung an vergangenes Unrecht sind Ausdruck des Stellenwerts von Freiheit und Menschenrechten in einer Gesellschaft, heißt es in den Grundsätzen von „Memorial“. Die Menschenrechtsorganisation ist den Prinzipien von Toleranz und Gewaltlosigkeit verpflichtet und setzt sich für die historische Aufklärung sowie für die Wahrung der Menschenrechte in Russland und in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ein und sucht nach den historischen Spuren und gemeinsamen Erfahrungen einer totalitären Vergangenheit in Russland. Irina Scherbakowa beschreibt die Schwierigkeiten, mit dem Erbe einer Diktatur umzugehen.
 
Margareta Mommsen war im Geschwister-Scholl-Institut der Universität München Professorin für Politische Wissenschaft. Sie untersucht die Frage, warum sich nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems in den Entwicklungsphasen unter der Führung der russischen Präsidenten Gorbatschow, Jelzin und Putin ein „Systemhybrid“ zwischen einer Demokratie, Oligarchie und Autokratie herausgebildet hat und warum Russland deshalb eine „gelenkte Demokratie ohne Demokraten“ bleibt.

Andrei Nekrasov ist 1958 geboren, er stammt aus einer Familie von Wissenschaftlern, studierte am Staatlichen Institut für Theater und Film in seiner Heimatstadt Sankt Petersburg. Anschließend nahm er ein Studium der Linguistik und Philosophie an der Universität Paris auf, wo er mit dem „Master“ abschloss. Dann studierte er Regie an der Bristol University Film School. Sein erstes Kurzdrama „Springing Lenin“ (1993) gewann einen Preis beim Filmfestival von Cannes (Critic’s Week Section), und 1997 gewann sein erster Spielfilm „Love is as strong as Death“ den FIPRESCI-Preis beim Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Der zweite Spielfilm des Regisseurs, „Ljubov und andere Alpträume“ (2001), wurde zweimal beim Sundance-Filmfestival 2002 gezeigt und fand Anerkennung bei vielen Festivals weltweit. 2004 stellte Nekrasov seine berühmte Dokumentation „Disbelief“ fertig, die mehrere Auszeichnungen bei internationalen Festivals erhielt. Andrei Nekrasov ist außerdem Dramatiker und Theaterregisseur. Er war mit Alexander Litwinenko befreundet, der in London dem Giftanschlag mit Polonium zum Opfer fiel. 

Rupert Neudeck ist Gründer und war lange Jahre Vorsitzender der Hilfsorganisation „Notärzte-Komitee Cap Anamur“. Mit einem Schiff nahm er 1979 Flüchtlinge aus Vietnam auf und rettete ihnen das Leben. „Die Zeit“ nennt ihn einen „humanitären Quälgeist“, weil er weltweit für Menschenrechte kämpft und als kritischer Journalist über die Krisenregionen dieser Welt in Asien, Afrika und in Europa unter Einsatz seines Lebens berichtet. Der engagierte Journalist gründete in jüngster Zeit das Friedenskorps „Grünhelme“. Junge Christen und Muslime bauen gemeinsam auf, was in Kriegen zerstört wurde. Vorbild ist die „Peace Corps“-Idee von John F. Kennedy. Rupert Neudeck beschäftigt sich in diesem Buch mit den Bedingungen von Pressefreiheit in Russland und in weiteren Kriegs- und Krisenregionen sowie den Gefährdungen, denen die Wahrheit dabei unterliegt.






Wolfgang Herles stellte das Buch vor


Der Berliner Journalist Harald Loch und Natalia Liublina, Übersetzerin aus dem Russischen, und auch ich selbst haben Anna Politkowskaja mehrfach getroffen und Gespräche mit ihr geführt. Natalia Liublina porträtiert die Person Politkowskajas aus der Perspektive einer Frau und Russin. Harald Loch stellt die Bücher der Anna Politkowskaja vor. Harald Loch und Natalia Liublina haben die Kontakte zur „Nowaja Gaseta“ hergestellt und es möglich gemacht, dass die letzten journalistischen Arbeiten von Anna Politkowskaja, die sie vor ihrer Ermordung geschrieben hat, in diesem Buch abgedruckt werden können. So soll dieser Erinnerungsband nicht nur das Leben und Wirken der Anna Politkowskaja, ihr Denken und Handeln beschreiben, es geht in diesem Buch auch um die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des heutigen Russland. 

Möge es die Erinnerung an eine mutige Journalistin wach halten, die als Vorbild für kritischen Journalismus dienen kann und die für drei demokratische Tugenden ihr Leben riskiert und verloren hat: Mut, Engagement und Zivilcourage.
[1] Natürliches Polonium ist ein Zerfallsprodukt des Edelgases Radon. Es entsteht beim Zerfall von Thorium oder Uran. Polonium-210 wurde vor Jahrzehnten beim Bau von Atomwaffen in der ehemaligen Sowjetunion eingesetzt. Es handelt sich um ein silberweiß glänzendes Schwermetall, das radioaktiv strahlt. Das Element war von Marie Curie 1897 entdeckt worden. Im menschlichen Körper wirkt Polonium als starkes Gift, 200 Milliarden Mal giftiger als Blausäure. Ein Mikrogramm gilt bereits als tödliche Dosis. Der Alphastrahler Polonium zerstört die Zellen. Bricht die Strahlenkrankheit aus, sind die Symptome Übelkeit, Durchfall, Haarausfall, Schwächeanfälle, dann folgt der Zusammenbruch des Immunsystems und schließlich der Tod. Ein Gramm der Substanz kostet etwa zwei Millionen US-Dollar. Litwinenko soll die hundertfach tödliche Menge, also einhundert Mikrogramm, im Körper gehabt haben. Im Militärbereich wird die Substanz als Zündstoff für Kernwaffen oder als Wärmequelle in Raumsonden benutzt.





Harald Loch und Natalia Liublina sind Mitautoren

Der Journalist Norbert Schreiber und der Historiker Gerd Koenen schlugen Anna Politkowskaja für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vor. Mehr als 300 Personen des öffentlichen Lebens unterstützten den Vorschlag mit ihrer Unterschrift. Der Vorschlag unterlag in einer Abstimmung nur knapp. Anna Politkowskaja bekam jedoch den renommierten Geschwister Scholl Preis für unerschrockenes Eintreten für demokratische Werte und freie Berichterstattung.  

Begründung Vorschlag Friedenspreis:

Initiative Norbert Schreiber Mitstreiter Gerd Koenen

Begründung:

 Vorschlag zur posthumen Verleihung des Friedenspreises
des Deutschen Buchhandels 2007 an Anna Politkowskaja


Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sollte 2007 in einer außerordentlichen Geste posthum an die im Vorjahr ermordete russische Reporterin und Autorin Anna Stepanowa Politkowskaja verliehen werden. Sie war nicht nur ein Vorbild an Mut, Engagement und Zivilcourage im Kampf um den Frieden, um das Recht und die Wahrheit. Sondern in ihren „im Handgemenge“ geschriebenen Artikeln, Büchern und Tagebüchern wird auch ein schriftstellerisches Talent sichtbar, von dem noch viel zu erwarten gewesen wäre. Mit ihrer kaltblütigen und planmäßigen „Ausschaltung“ sollte eine kritische Stimme gegen staatliche Willkür und eine unerschrockene Kämpferin für die Zivilgesellschaft, aber zugleich auch eine bedeutende Autorin zum Verstummen gebracht werden.

 Anna Politkowskaja hat die Aushebelung der ohnehin gefährdeten Pressefreiheit, die Korrumpierung des sozialen und politischen Lebens, die Zerstörung der Ansätze von Rechtsstaatlichkeit, das Anfachen rassistischer Ausschreitungen in Russland selbst sowie die fast gewohnheitsmäßige Anwendung von Folter und Mord im Krieg in Tschetschenien unermüdlich und aus eigener Anschauung beschrieben und angeprangert. Dafür hat sie immer wieder ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt und permanente Bedrohungen in Kauf genommen.
 
In ihren Büchern und Artikeln hat sie sich keineswegs darauf beschränkt, die Methoden und Mechanismen einer aus dem Kreml „gesteuerten Demokratie“ und einer alltäglichen Willkür seitens der Behörden, der Justiz und der Sicherheitsorgane offen zu legen. Sie hat auch die empörende Indifferenz oder sogar Unterstützung dieser erneuten Gleichschaltung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft durch größere Teile der Bevölkerung schonungslos benannt und als eine von Angst und Hysterie getriebene Selbstentmündigung beschrieben.

 Schließlich hat Anna Politkowskaja auch die westlichen Regierungen und Gesellschaften angeklagt, sich aus Gleichgültigkeit oder aus eigennützigen Motiven, ob wirtschaftlicher Art oder wegen weltpolitischer Kalküls – vor allem im Kampf gegen islamistischen Terror – nicht um die täglichen Massaker und Verletzungen der Menschenrechte in Tschetschenien gekümmert und nicht begriffen zu haben, dass dieser Krieg ein Verhängnis für Russland, die Russländische Föderation und den sogenannten „postsowjetischen Raum“ insgesamt ist.

 Wenige haben derart selbstlos und kompromisslos alle ihre literarischen und investigativen Fähigkeiten und ihre gesamte berufliche Karriere in den Dienst eines unbestechlichen Rechtsempfindens, eines leidenschaftlichen Eintretens für Menschenrechte und die Rechte von Minderheiten, für Frieden und Verständigung eingesetzt, wie Anna Politkowskaja es getan hat.

 Die Verleihung des Friedenspreises wäre ein sichtbares Zeichen, dass das Werk und das Vorbild, das von einer Person wie ihr ausgeht, auch durch einen noch so kalt und „profesionell“ exekutierten Auftragsmord nicht einfach zum Verschwinden gebracht werden können, sondern dass ihre Stimme über ihren Tod hinaus gehört werden wird. Diese Preisverleihung wäre keineswegs ein Zeichen feindseliger Kritik „an Russland“, sondern im Gegenteil ein Zeichen hoffnungsvoller Erwartung an dieses Land, seine Menschen und seine Kultur. Und schließlich wäre die Autorin und Menschenrechtskämpferin Anna Politkowskaja eine glänzende und ausstrahlende Gestalt mehr in der Reihe der Träger und Trägerinnen dieses Friedenspreises. 
 
gez. Gerd Koenen Norbert Schreiber

Mitteilung an die Presse

 Hiermit möchten wir unseren Vorschlag, Anna Politkowskaja posthum den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2007 zu verleihen, der Öffentlichkeit übergeben, mitsamt einer Liste der Personen, die bis zum gestrigen Tage ihre Unterstützung für diesen Vorschlag erklärt haben.

Ausgangspunkt unseres Vorschlags war eine Anregung Fritz Pleitgens, Anna Politkowskaja sollte „eine internationale Ehrung von hohem Rang posthum erhalten“, als Ermutigung für alle, die sich weltweit für die Menschenrechte einsetzen, wie auch als „eine dauerhafte Erinnerung an das Lebenswerk von Anna Politkowskaja“.

Wir fanden, dass der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sowohl angesichts der Reihe der früheren Preisträgerinnen und Preisträger wie auch des Umfelds der Verleihung während der Internationalen Buchmesse in Frankfurt der genau angemessene Preis wäre. Wir fanden dies umso mehr, als die wichtigsten Arbeiten von Anna Politkowskaja in ihren literarischen Qualitäten noch kaum wirklich gewürdigt worden sind – und im übrigen den russischen Leserinnen und Lesern bis heute nur teilweise zugänglich sind.

Die Liste der jetzigen Unterstützer (ca. 260 Personen) hat sich im Wesentlichen per Multiplikation auf dem Mail-Wege ergeben, und das binnen weniger Tage. Wir haben weder versucht, noch waren wir in der Lage, alle anzusprechen, die für eine Unterstützung in Frage gekommen wären.

Wir meinen allerdings, dass das Ergebnis für sich spricht – nämlich für ein verbreitetes Gefühl, dass der Mord an dieser Frau, genau dieser eine Mord unter so vielen anderen, nicht im Lethestrom des medialen Vergessens verschwinden darf. Oder, positiv gesagt: dass diese Frau etwas verkörpert und gelebt hat, das von einer weit über Russland hinausreichenden, exemplarischen Bedeutung ist und sich uns erst (zu spät) als geistige und moralische Ressource erschließt. 

 gez. Gerd Koenen Norbert Schreiber

Anlage: Vorschlagstext mit Unterstützerliste (Stand vom 13. Februar 2007)





Das Buch ist im renommierten Verlag Wieser erschienen. Verleger Lojze Wieser und eine Besucherin der Veranstaltung in der Berliner Akademie der Künste

Rezension Deutschlandfunk

"Ich habe Angst vor der täglichen
Produktion von Hass"

Ein Buch erinnert an Anna Politkowskaja
Von Michael Schornstheimer
 
Der Sammelband "Anna Politkowskaja - Chronik eines angekündigten Mordes" vereint Texte von und über die russische Journalistin, die im vergangenen Jahr ermordet wurde. Unerschrocken berichtete sie von den Kriegsverbrechen des russischen Militärs in Tschetschenien. Das Buch wurde in der Akademie der Künste präsentiert.

Anna Politkowskaja hat sich nicht nur in Russland viele Feinde gemacht. Auch bei Auslandsreisen nahm sie kein Blatt vor den Mund: "Der Westen kann alles, will aber nichts. Der Westen ist einfach zynisch" sagte sie anlässlich einer Pressekonferenz in Berlin, die der russische Filmemacher Andrei Negrassov aufgezeichnet hat. Die Aufnahmen zeigen eine zarte und gleichzeitig energische Person. Die kurzgeschnittenen Haare der Mitte Vierzigjährigen waren schon silbergrau. Die Tochter eines Sowjetischen Diplomaten, die in New York geboren wurde, hätte sich leicht ein bequemes Leben leisten können, aber sie entschied sich für einen anderen Weg, erinnert die russische Historikerin Irina Scherbakowa:
Manchmal war sie sehr rigoros, manchmal war sie fast nicht zu ertragen. Aber man wusste, dass sie sehr konsequent ist und absolut keine Angst hat. Man hatte das Gefühl, dass sie in den letzten Jahren aus der letzten Kraft schrie. Mit ihrem Mord, das hatte fast so eine symbolische Bedeutung, weil das war der letzte Schrei, weil dann hat sie alle dazu gebracht und gezwungen, dass man doch auf sie hört.
Seit Beginn des "Zweiten Tschetschenienkrieges" berichtete Anna Politkowskaja aus der Kaukasusrepublik. Ungeschminkt. Direkt. Kritisch. Ihre Themen waren die Kriegsverbrechen der russischen Militärs, der Terror der kaukasischen Militärs, die massiven Menschenrechtsverletzungen.

Der Herausgeber des Buches, der Journalist Norbert Schreiber, lernte sie vor zwei Jahren auf der Leipziger Buchmesse kennen, als sie ihr Buch "In Putins Russland" vorstellte:
Und während dieses Gespräches hat Anna Politkowskaja sehr stark die westlichen Medien, aber auch die westlichen Politiker kritisiert und gesagt, warum tut der Westen als Demokratie so wenig, warum tut er nichts Aktives, indem ein aktiver Beitrag der Politik zur Friedenspolitik in Tschetschenien geleistet wird. Immer wieder würden Delegationen kommen, sich den Konflikt erklären lassen, aber danach würde nichts passieren. Und während dieses Gespräches hatte ich den Eindruck, es war wie eine Ahnung, dass die Arbeit von Anna Politkowskaja unglaublich gefährlich ist, dass sie das Risiko auf sich nimmt, und dass sie sich nicht besonders schützt. Sie hat da sehr klare Worte gesprochen, und war sich darüber im Klaren, dass sie wirklich auch mit dem Tode bedroht ist.
Mit ihrem Buch "In Putins Russland" prangerte die mutige Journalistin die korrupte russische Bürokratie an. Die Nomenklatura wolle jetzt genauso üppig leben wie die "neuen Russen" und das bei verschwindend geringen offiziellen Gehältern. Also verwende sie einen Großteil ihrer Zeit darauf, sich unter Umgehung von Recht und Ordnung persönlich zu bereichern. Mit dem Ergebnis, dass die Korruption unter Putin ein beispielloses Ausmaß erreicht habe. Anna Politkowskaja habe genau beschrieben, wie sich unter dem Aufsteiger Wladimir Putin in Russland eine kriminelle Scheindemokratie entwickelt habe. Resümiert der Gründer der Hilfsorganisationen Cap Anamur und der "Grünhelme", Rupert Neudeck.
Das zweite, was ich nicht vergessen kann, an Anna Politkowskaja hing ein ganzes Land, nämlich Tschetschenien. Und sie hat mit einem unglaublichen weltpolitischen und weltgeschichtlichen Gespür gewusst, und in dem Buch ist es noch mal nachzulesen, sie hat gesagt, ich habe nicht Angst vor der Erhöhung der Atomproduktion, ich habe Angst vor der täglichen Produktion von Hass, die in Tschetschenien und wo auch immer produziert wird. Und das hat sie gesehen.
Anna Politkowskaja erhielt im Westen zahlreiche Preise: den Lettre Ulysses Award beispielsweise, den Olof-Palme-Preis und den Leipziger Medienpreis. Ihrer kritischen Berichte wegen wurde sie aber aus den großen Medien Russlands mehr und mehr verdrängt. Zuletzt schrieb sie nur noch für die vergleichsweise kleine "Nowaja Gaseta", die zwei Mal wöchentlich erscheint.

Die russische Historikerin Irina Scherbakowa vergleicht das heutige Russland mit der Sowjetunion der Breschnew-Ära. Nur mit dem Unterschied, dass die bleierne Zeit heute noch viel zynischer sei als damals. Und dass sich viele Russen darin bequem eingerichtet hätten.Was mich interessiert und was ich für wichtig halte, ist die Geschichte. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit, die ist in Russland momentan ganz, ganz wichtig, weil ich ja mit Horror feststelle, was mit unserer Vergangenheit gemacht wird und wie sie manipuliert wird. Die Umfragen, was die Stalinfigur anbetrifft oder die unterschiedliche Symbolik dieser sowjetischen Zeit, der Breschnew-Zeit, sind erschreckend.
Die Autoren des Sammelbandes haben vorgeschlagen, Anna Politkowskaja posthum den Friedenspreis des deutschen Buchhandels zu verleihen, erläutert der Herausgeber, Norbert Schreiber.
Um zu zeigen, dass da eine Journalistin war, die Mut, Zivilcourage, persönliche Einsatzbereitschaft, Frieden versucht hat zu schaffen. Ich träume allerdings von ein paar Schritten, die danach folgen könnten. Wenn wir einen Geldgeber finden, würde ich gern einen Anna Politkowskaja Journalistenpreis gründen. Und mein Traum wäre es, wenn wir einen solchen Preis bekommen, dass dann auch Geldmittel an die Kinder gehen können.

 

Pressestimmen  zum Buch

 

Helmut Markwort „FOCUS-Chefredakteur in Bookmark „Das Buch von Norbert Schreiber ist ein politisches Denkmal für Anna Politkowskaja“

 Deutschlandfunk

„Norbert Schreiber beschreibt in seiner Einleitung nicht nur den Mord an Anna Politkowskaja eindringlich, sondern auch ihr Leben und ihre Arbeit. Sein Fazit: Anna Politkowskaja wurde Opfer eines feigen Mordanschlags, weil sie unbeugsam der Pressefreiheit diente. Schreiber will Ursachen und Folgen dieses Mordes analysieren. das Buch ‚Anna Politkowskaja. Chronik eines angekündigten Morde’hilft Russland besser zu verstehen, denn man sollte versuchen, dieses Land mit dem Verstand zu begreifen - gerade wir Deutschen.“

 3sat Kulturzeit

"Eine Botschaft an lupenreine Demokraten"

 
 Deutschlandradio

„Dieses Buch ist ein Mahnmal für eine mutige Frau, zugleich eine Klageschrift“

 
 WDR

„Ein schwarzer Blick in die Zukunft. Schwarz wie die Farbe des russischen Öls, mit dem hierzulande die Wohnzimmer geheizt werden. Es scheint höchste Zeit einmal genauer nachzufragen, was für ein Land das eigentlich ist, aus dem es kommt.“

 
 WDR Scala

„Der Hörfunkjournalist Norbert Schreiber hat ein Buch herausgegeben, das die letzten Artikel von Anna Politkowskaja enthält und ein ernüchterndes Panorama auf das heutige Russland eröffnet. Eine erschütternde Bilanz und höchste Zeit für Westeuropa, genauer hinzuschauen, mit wessen Öl und wessen Gas eigentlich das eigene Wohnzimmer geheizt wird. Zeit für ein offenes Wort unter „lupenreinen“ Demokraten“

 dpa

Anna Politkowskaja starb an einem 7. Oktober, an dem Geburtstag von Wladimir Putin. Vier Schüsse wurden auf sie abgefeuert, der letzte in den Kopf, ein so genannter Kontrollschuss. Das Attentat war nicht nur ein Mord auf eine mutige Journalistin. Es war ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit. 

 Kölnische Rundschau

Wer tötete Anna Politkowskaja? Ihr Tod beschäftigt Kollegen weltweit. In einem weiteren Buch sind neben Interviews und Essays auch Reportagen zu dem Thema erschienen. Autoren wie der ehemalige Moskauer ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen, der Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, Rupert Neudeck, untersuchen in "Anna Politkowskaja. Chronik eines angekündigten Mordes" Ursachen und Folgen des vermutlich politisch motivierten Mordes.

 Frankfurter Rundschau

Aufklärung tut not Drei Politkowskaja-Texte hat Norbert Schreiber in seine Chronik eines angekündigten Mordes aufgenommen. Zusammen mit den Beiträgen von Harald Loch, Natalia Liublina, Margareta Mommsen, Fritz Pleitgen, Rupert Neudeck und vor allem Irina Scherbakowa ist dies eine wertvolle Ergänzung. Eine Art Krimi, wie der Titel suggeriert, ist es nicht - angesichts dessen, was die Moskauer Behörden (sich) bisher an Ermittlung geleistet haben, könnte auch eine Detektivgeschichte bis jetzt nur Spekulation sein. Es ist aber Aufklärung erforderlich. Aufklärung der Untat; Aufklärung der Untaten, um Politkowskajas Arbeit nicht mit ihrem Tod enden zu lassen.

 Vorwärts

Die Akademie der Künste stellte am Dienstag, dem 6.3.2007, die Räume für eine Buchpräsentation bereit, in der es um mehr als nur um ein neu erschienes Buch ging. Thema war die Ermordung der russischen Journalistin Anna Politkowskaja und das Einklagen eines kritischen, auf die Einhaltung der Menschenrechte pochenden Journalismus und der gesellschaftlichen Bedingungen für diesen.

Nicht Beileidsbekundungen und wohlmeinende Worte wurden an diesem Dienstagabend in der Akademie der Künste eingefordert, sondern mehr Aufmerksamkeit des Westens gegenüber Menschenrechtsverletzungen, denen die so mutige wie kritische russische Journalistin Anna Politkowskaja in Tschetschenien auf der Spur gewesen war. Anlass dazu bot die Vorstellung des in diesen Tagen erscheinenden Buches „Anna Politkowskaja. Chronik eines angekündigten Mordes“.

 Spiegel online

Frankfurt - Anna Politkowskaja wurde im Oktober 2006 ermordet, bis heute ist die Tat nicht aufgeklärt. Eine Gruppe um den Historiker Gerd Koenen und den Journalisten Norbert Schreiber will nun dafür sorgen, dass der Journalistin posthum der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wird. Mitte kommender Woche wollen die beiden Frankfurter ihren Vorschlag offiziell dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels vorlegen. Die Liste der Befürworter sei "schier endlos lang", sagte Koenen am Sonntag der dpa. Zu den Unterzeichnern gehörten neben Publizisten, Historikern und Verlegern auch bekannte Politiker aus dem In- und Ausland. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hatte die Initiative gestern eine "zwingende Idee" genannt. Die Reportagen Politkowskajas hätten literarische Qualität, sagte Koenen. "Außerdem hatten wir das Gefühl, dieser Mord darf nicht den Bach des medialen Vergessens hinuntergehen." In dem Rundschreiben der Initiatoren heißt es, die Journalistin habe "selbstlos und kompromisslos alle literarischen und investigativen Fähigkeiten und ihre gesamte berufliche Karriere in den Dienst eines unbestechlichen Rechtsempfindens" gestellt.

 Hamburger Abendblatt

Die lebensgefährliche Suche nach Wahrheit: Wer tötete Anna Politkowskaja? Ihr Tod beschäftigt Kollegen weltweit. In einem weiteren Buch sind neben Interviews und Essays auch Reportagen zu dem Thema erschienen. Autoren wie der ehemalige Moskauer ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen, der Gründer der Hilfsorganisation "Cap Anamur", Rupert Neudeck, untersuchen in "Anna Politkowskaja. Chronik eines angekündigten Mordes" Ursachen und Folgen des vermutlich politisch motivierten Mordes.

Dort kommt auch Putin kurz zu Wort. In einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" vom 10. Oktober 2006 sagte er über ihren Tod: "In der Tat war die Journalistin Politkowskaja eine Kritikerin der jetzigen Machtverhältnisse . . . Ihr politischer Einfluss im Lande war aber nicht sehr groß. Sie war eher bekannt in Menschenrechtskreisen und westlichen Massenmedien."

 CUT

Ein Initiativkreis von Journalisten, Publizisten und Historikern hat sich in Frankfurt am Main gegründet, um Anna Politkowskaja für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vorzuschlagen. Gegründet haben ihn der Publizist Gerd Koenen und der Journalist Norbert Schreiber – unser CUT-Autor. 260 Personen der europäischen Öffentlichkeit haben sich diesem Vorschlag bereits angeschlossen, Journalisten wie Elke Heidenreich, Ulrich Wickert und Frank Schirrmacher, Politiker wie der tschechische Außenminister Fürst Karl Schwarzenberg, der Europapolitiker Elmar Brok, aber auch Literaten wie Juri Andruchowytsch, Petros Makaris oder György Dalos. Die Erstunterzeichner finden sich beim „Perlentaucher“, der auch die Original-Begründung des Vorschlags dokumentiert: www.perlentaucher.de/artikel/3685.html.

 DIE ZEIT

Auszeichnungen: Friedenspreis für Anna Politkowskaja?

Eine Gruppe von Publizisten und Historikern macht sich dafür stark, die im Oktober 2006 ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja posthum mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zu ehren. Frankfurt/Main:Initiatoren eines entsprechenden Rundschreibens sind der Historiker Gerd Koenen und der Journalist Norbert Schreiber. Mitte kommender Woche wollen die beiden Frankfurter ihren Vorschlag offiziell dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels unterbreiten. Die Liste der Befürworter sei "schier endlos lang", sagte Koenen.

Unterschrieben hätten nicht nur Publizisten, Historiker und Verleger, sondern auch bekannte Politiker aus dem In* und Ausland. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hatte am Samstag über die Initiative berichtet und von einer "zwingenden Idee" gesprochen. Koenen begründete den Vorschlag mit der literarischen Qualität ihrer Reportagen. "Außerdem hatten wir das Gefühl, dieser Mord darf nicht den Bach des medialen Vergessens hinuntergehen."

Einsatz für ein "unbestechliches Rechtsempfinden"

In dem Rundschreiben heisst es, Politkowskaja habe wie kaum jemand sonst "selbstlos und kompromisslos alle literarischen und investigativen Fähigkeiten und ihre gesamte berufliche Karriere in den Dienst eines unbestechlichen Rechtsempfindens" gestellt. Die Publizistin hatte für die "Nowaja Gaseta" über Verletzungen der Menschenrechte im Tschetschenien*Krieg geschrieben und sich damit bei russischen Sicherheitskräften wie tschetschenischen Politikern Feinde gemacht. Sie war am 7. Oktober 2006 erschossen worden, als sie von einem Einkauf in ihre Wohnung im Moskauer Zentrum zurückkehrte.

 Von Koenen stammt das Buch "Der Russland-Komplex „ Die Deutschen und der Osten 1900-1945".

 Norbert Schreiber arbeitet beim Hessischen Rundfunk, im Mai erscheint sein Gedenkband "Anna Politowskaja * Chronik eines angekündigten Mordes". (tso/dpa) Eine Gruppe von Publizisten und Historikern macht sich dafür stark, die im Oktober 2006 ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja posthum mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zu ehren.

  FREITAG

Ihr Russisches Tagebuch, das unversehens zum Vermächtnis wurde, sowie der dokumentierende Sammelband Chronik eines angekündigten Mordes bezeugen es auf eindrückliche Weise. Mut ist in Staaten wie Russland heute eine ebenso wichtige wie schwere Bürgerpflicht. Momentan fehlt sie weitgehend auf Seiten der Intelligenzja und der politischen Opposition

 GEORGIA & SOUTH CAUCASUS

Die Ermordung Anna Politkowskajas am 7. Oktober 2006 erregte nicht nur in unseren Medien, sondern auch in weiten Kreisen der westlichen Bevölkerung grosses Aufsehen. So deutlich wie nie zuvor wurde den Menschen mit dem gewaltsamen Tod der russischen Journalistin klar, wie weit das vom Kommunismus befreite Russland unter seinem Präsidenten Wladimir Putin von dem entfernt ist, was man im Westen unter der Einhaltung von Menschenrechten, Meinungs- und Pressefreiheit versteht.

 Moskauer Deutsche Zeitung

„Schreibers Sammelband ist ein kritisches und vielfältiges Kompendium. Nicht nur Wissenschaftlern, Journalisten und Menschenrechtlern, auch dem russischen Präsidenten erteilt der Herausgeber das Wort.“

 Carpe Librum

Ein wichtiger Beitrag gegen Angriffe und mörderische Attacken gegen Menschenrechte und MenschenrechtlerInnen.


 Das BücherWiki - Ein Treffpunkt für Bücherfreunde Ihre Berichte aus Tschetschenien und ihre Kritik an Präsident Putin wurden Anna Politkowskaja zum Verhängnis. Im Oktober 2006 wurde die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin in Moskau ermordet. Zum Gedenken an die mutige Frau hat Norbert Schreiber zahlreiche Beiträge - Reportagen, Essays, Gespräche, Analysen und Würdigungen - zusammengetragen 

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ZITATE

 Wladimir Putin

„Das  Recht der Bürger auf eine objektive Information ist die Hauptpriorität in der Entwicklung einer Bürgergesellschaft“

 Igor Jakowenko
Vorsitzender des Journalistenverbandes:

„Die Medien in Russland haben aufgehört, ein Platz für den Meinungsaustausch und öffentliche Debatten zu sein, für Auseinandersetzungen und Kritik...“

 Wladimir Posner
Talkmaster und Präsident der russischen Fernsehakademie

„Sie verdummen die Bevölkerung, denn die erfährt nicht, was in Wirklichkeit passiert im Land“

 Boris Reitschuster
Focus-Korrespondent und Autor des Buches „Putins Demokratur“

„Anders als die Sowjetherrscher haben ihre Nachfolger im Kreml begriffen, dass es nicht notwendig ist, alle kritischen Stimmen zu unterdrücken. Im Gegenteil: Es ist weitaus sinnvoller, wenn man sie zu Wort kommern lässt, aber dafür sorgt, daß nur ein kleiner Teil der Bevölkerung ihre Äußerungen zu hören bekommt und der Großteil ausschließlich der staatlichen Propaganda ausgesetzt ist.“

Lew Gudkow Soziologe
„Eine Bürgergesellschaft ist das nicht“

 Wladymir Ryschkow
„Wenn jemand sagt, es gibt Pressefreiheit in Russland, sage ich, Ja für ein Prozent der Bevölkerung, wenn die Frage lautet; für alle? sage ich nein.“

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Anna Politkowskaja

Filminterview von Andrei Nekrassov

Das ist einer der wunden Punkte des zweiten Tschetschenienkrieges. Denn ich hatte im Prinzip schon alle Illusionen verloren, dass der Westen noch etwas tun könne. 
Der Westen kann alles. Doch der Westen will nichts – gar nichts.Es war eine Situation entstanden, in der sich absolut alle Konventionen, die für das Leben der Welt und des Westens in der Nachkriegsperiode, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, gültig waren, an dem zerschlagen hatten, was jetzt in Tschetschenien vor sich geht.

 Wie mir scheint, war der Westen einfach zynisch geworden.

 Es gibt bestimmte Menschenrechte für den Westen. Es gibt im Prinzip andere, geringere Menschenrechte für Menschen, die in Russland leben. Und es gibt noch weitere, ganz geringe, völlig unbedeutende; man könnte sagen, sie existieren eigentlich überhaupt nicht. Sie gelten für jene, die sich in der Zone der sogenannten antiterroristischen Operation in Tschetschenien befinden.

Ein Mensch, der sich in dieser Zone befindet, ist eigentlich überhaupt kein Mensch, sondern nur eine biologische Hülle, mit der man alles, wirklich alles machen kann, was man will. Die Hauptsache ist, man hält eine Waffe in Händen, dann ist man König und Gott zugleich.

Eigentlich wollte niemand die Tatsachen zur Kenntnis nehmen, die während des Krieges sowohl von mir als auch von vielen anderen Bürgerrechtlern dem Westen gegenüber als Argumente angeführt wurden, nämlich, dass man diesen Krieg beenden müsse, und zwar – so  schnell wie möglich, weil er sonst – auch für Europa – katastrophale Folgen haben würde.

 Ich hatte ein Buch geschrieben, das in der Anfangsperiode, in der ersten Etappe des Krieges erschienen war. ALLE handelnden Personen sind umgekommen.

Sie kamen nicht deshalb um, weil sie gekämpft hatten.

 Sie hatten nur ihr Leben gelebt, sie wollten überleben. Sie kamen bei Säuberungsaktionen, bei sogenannten „Ausweiskontrollen“, um.

Sie kamen einfach deshalb um, weil sie so waren wie wir alle!

 Schon der Preis, dass sich Europa diesem Problem gegenüber völlig gleichgültig verhielt, war zu hoch.

Ich glaube einfach, dass wir vor einer gewissen neuen Realität stehen und dass wir neue Regeln für unser Leben ausarbeiten werden.

Alle Menschenrechte, die wir in den letzten Jahrzehnten immer so sehr hervorgehoben haben, sind zusammengebrochen.

 Es werden neue Imperien geschaffen, für die frühere demokratische Werte bedeutungslos sind. 

 Zweifellos haben wir gegenwärtig eine Periode mit einer Pressefreiheit wie in der Sowjetunion. Es gibt eine offizielle Linie. Und es gibt jene, die es als ihre Pflicht betrachten, sich dieser Linie zu widersetzen. Ich gehöre zu Letzteren.

Ich habe meine Prinzipien, die besagen, dass ein Ereignis von allen Seiten beleuchtet werden muss. 

Und ich habe keinesfalls die Absicht, nur deshalb von diesen Prinzipien abzuweichen, weil jemand glaubt, Redefreiheit sei so etwas wie „gelenkte Demokratie“. Diese Losung wurde von Putin verkündet.

Ich will und werde mich damit nicht abfinden, solange die Kräfte dafür reichen. Es ist eine Situation entstanden, in der alle sagen – und ich höre das eigentlich ständig : Aber Putin! Putin sagt doch, das müsse so sein. Der spricht doch sogar  deutsch! Er ist ein absolut gebildeter Mensch.

Die Tatsache, dass Sie sich dafür begeistern, dass Putin deutsch spricht, bezahlen Menschen in unserem Land mit dem Leben.

Ungeachtet dessen, dass ich einige für mich persönlich recht pessimistische Dinge ausgesprochen habe, enthebt mich dennoch niemand der Notwendigkeit zu arbeiten ..., das niederzuschreiben, was ich sehe ... und bis zum Schluss zu kämpfen.

Man hat dieses Geheimnis schon publik gemacht: die Gesellschaft – hier, nimm. Nein ...

Es ergab sich so, dass jemand in ein Krankenhaus gehen sollte, um eine Verabredung zu treffen, dass alle schweigen ...; ich war es, die man als einen solchen Vermittler zu den Ärzten schickte.

Das alles hat stattgefunden. Doch jetzt sind alle schon belehrt. Man kann kämpfen oder nicht kämpfen, blind, taub und behindert sein ... Davon hängt nicht ab, ob man in eine Säuberungsaktion gerät oder nicht.
 



Rezensionen

POLITISCHE LITERATUR Deutschlandfunk

Der Journalist Norbert Schreiber über die russische Journalistin Politkowskaja

Moderation: Marcus Heumann

 

Die russische Journalistin machte sich mit einfühlsamen Reportagen über die einfachen Menschen in der umkämpften Nordkaukasusrepublik Tschetschenien international einen Namen, in Russland selbst brachten sie ihr viele Feinde. Ihre Wahrheitssuche bezahlte sie mit dem Leben. Eine Rezension von Karla Engelhard.


Anna Politkowskaja ist tot. Ermordet am 7.Oktober 2006. Der Journalist Norbert Schreiber versucht wenige Monate später die Chronik ihres angekündigten Mordes zu schreiben. Schreiber lernte Anna Politkowskaja auf der Leipziger Buchmesse eineinhalb Jahre vor ihrem Tod kennen. Die russische Journalistin war da schon keine Unbekannte mehr. In ihrem Buch „Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg" zerrt sie Willkür, Gewalt und Bestialität in der umkämpften Kaukasusrepublik Tschetschenien in die Öffentlichkeit. Sie schockiert mit realistischen Schilderungen des Krieges. Sie nennt und kennt Schuldige auf beiden Seiten - russische Militärs, die im Auftrag des Kremls morden und tschetschenische Terroristen, die brutal vernichten, was sich ihnen in den Weg stellt. Opfer beider: Kinder, Frauen, Männer in Tschetschenien. Für sie ist Politkowskaja letzte Hoffnung. Die von ihr entlarvten Mörder antworten mit Morddrohungen. Für den russischen Staat ist sie eine Nestbeschmutzerin. Der Hörfunkjournalist Norbert Schreiber fragt sie Monate vor ihrem Tod, wie sie den Druck und die ständige Bedrohung aushalte: Viele Menschen in meinem Land bezahlen mit dem Leben, weil sie laut sagen, was sie denken. Ich versuche, nicht daran zu denken, weil ich ansonsten nicht arbeiten könnte, es wäre unmöglich. Also blende ich diese Gedanken aus und sage, dass ich einfach das Schicksal derjenigen teile, die dafür kämpfen, dass demokratische Prinzipien in Russland endlich installiert werden und das Leben ein demokratisches wird, wobei es möglich ist, dass dieser Kampf nicht gut ausgeht. Aber das ist dann einfach so. So beginnt Schreibers eigener Beitrag zur Chronik eines angekündigten Mordes. Immer wieder kommt die Journalistin im Buch zu Wort, in Interviews, mit Reportagen und Auszügen aus ihren Büchern. Einige ihrer Reportagen entstanden kurz vor ihrem Tod und werden hier zum ersten Mal veröffentlicht. Für ihre journalistische Arbeit wird sie zu Lebzeiten mit internationalen Preisen geradezu überhäuft, wie den "Lettre Ulysses Award" für die beste europäische Reportage, den Olof-Palme-Preis für ihren Einsatz für Menschenrechte und für ihren persönlichen Mut. 2005 erhält sie den Leipziger Medienpreis. Jedoch internationale Aufmerksamkeit und Preise können Anna Politkowskaja nicht schützen. Am 7. Oktober 2006, Samstagnachmittag, 16.05Uhr Moskauer Zeit, kommt Anna Politkowskaja vom Einkauf. Die Rekonstruktion des Mordes liest sich so: "Anna Politkowskaja hat zwei Tüten in ihre Wohnung getragen. In ihrem silbernen Lada, der vor dem Eingang geparkt ist und in dem ihre Tochter sitzt, liegen noch Einkaufstüten, die sie in ihre Wohnung tragen möchte. Ein paar Lebensmittel, etwas Gemüse, Sanitärartikel. Anna Politkowskaja will mit dem Lift ein drittes Mal nach oben fahren. Sie hat den Rufknopf  gedrückt, kommt aber nicht mehr dazu, den Fahrstuhl zu betreten. Als sich die Lifttür öffnet, fallen drei Schüsse - zwei treffen sie dicht neben dem Herz, die dritte Kugel zerfetzt ihre Schulter. Dann gibt der Mörder einen gezielten Schuss in den Kopf ab, den so genannten "Kontrollschuss". Das Opfer war längst tot. Am Ort des Mordanschlags finden die Ermittler neben der Handfeuerwaffe, Marke Makarow-Pistole, vier Patronenhülsen. Dieser Typ war als Ordonnanzpistole in der Sowjetarmee eingesetzt. Anna Politkowskaja wurde auf dem Trojekurow-Friedhof im Südwesten Moskaus beigesetzt. Auf ein orthodoxes Holzkreuz ist ihr Name geritzt. Sie wurde 48 Jahre alt. Norbert Schreiber beschreibt in seiner Einleitung nicht nur den Mord an Anna Politkowskaja eindringlich, sondern auch ihr Leben und ihre Arbeit. Sein Fazit: Anna Politkowskaja wurde Opfer eines feigen Mordanschlags, weil sie unbeugsam der Pressefreiheit diente. Schreiber will Ursachen und Folgen dieses Mordes analysieren. Der Titel "Chronik eines angekündigten Mordes" ist bewusst gewählt und soll an das Werk des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel Garcia Marquez, "Chronik eines angekündigten Todes", erinnern. Marquez erzählt in seinem Roman dokumentarisch, fast mit journalistischer Genauigkeit, die Umstände einer Gewalttat die sich für ein ganzes Dorf unausweichlich ankündigt, die aber niemand zu verhindern vermag. Auch der Mord an Anna Politkowskaja kam nicht überraschend. Auch dass er schnell aus der Öffentlichkeit verschwunden war, erstaunt wenig. Der Journalist Norbert Schreiber kennt dieses Phänomen nur zu gut: "Wir sind in der Mediengesellschaft unterwegs undvergessen sehr schnell solche Ereignisse wie den Mord an Politkowskaja. Es kommt ein nächstes Ereignis, und es ist vergessen, was diese Frau getan hat, zu recherchieren, aufzuklären, die Wahrheit zu sagen, und wir fanden, dass es einfach aufgeklärt werden muss, was sich dort abgespielt hat. Denn wir fanden, dass man nicht die Wahrheit erschießt, dass man die Pressefreiheit nicht tötet, dass man eine kritische Journalistin nicht ermordet. Das war in der öffentlichen Diskussion so selbstverständlich geworden, es wird eine Statistikgeführt, es wird aufgezählt, wie gefährlich der Beruf Journalismus ist, und dann geht man wieder zur Tagesordnung über. Und das, fanden wir, sollte im Fall Politkowskja eben nicht so folgen, und deswegen haben wir dieses Buch gemacht. Mit "wir" meint Schreiber Journalisten, die Anna Politkowskaja begegnet sind, ihre Bücher oder Russland kennen, wie der ehemalige ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen, Harald Loch oder Natascha Liublina. Dazu gehören auch die Russlandexpertin Margareta Mommsen, die Historikerin Irina Scherbakowa, der Filmregisseur Andrej Nekrasov oder der Gründer der Hilfsorganisation "Cap-Anamur", Rupert Neudeck. Wer bei dieser Autorenpalette bereits große Vielfalt ahnt, wird dies beim Lesen bestätigt finden. Die einigende Frage ist dabei: hat Russland auf dem Weg zu einer Bürgergesellschaft noch eine Chance? Die Antworten darauf sind in der Form sehr unterschiedlich. Besonders interessant und gut zu lesen sind meines Erachtens: Irina Scherbakowas Beschreibung eines langjährigen Schülerwettbewerbs zur Geschichte Russlands. An Beispielen zeigt sie den schweren Umgang mit dem Erbe einer Diktatur. In ihrer fundierten Analyse belegt Russland-Expertin Margareta Mommsen an Hand der politischen Entwicklung von Gorbatschow über Jelzin zu Putin, dass Russland eine "gelenkte Demokratie ohne Demokaten" ist. Der Filmregisseur und Dramatiker Andrej Nekrasovs schreibt in seinem Brief aus Russland über die "Leichen im Keller der neuen Stabilität" und warum es "cool" und modern in Russland ist, nationalistisch zu sein, noch moderner, antiwestlich. Bei aller Vielfalt ist die Antwort auf die Frage, ob die Bürgergesellschaft in Russland eine Chance hat, einstimmig. Herausgeber Norbert Schreiber resümiert: Die Arbeit an diesem Buch hat mir gezeigt, dass es eine Gefährdung der Demokratie nach innen gibt, der Stabilität nach innen, durch die gelenkte Putinsche Demokratie einerseits, und die Münchener Sicherheitstage haben gezeigt, dass das Muskelspiel und das Spiel um Öl in der internationalen Politik auch das gefährden könnte, was wir über die Jahre hinweg unter Ost-West-Entspannung verstanden haben und mühsam in Vertragsverhandlungen aufgebaut haben. Diese Stabilität könnte brüchig werden. Das andere sind demokratischen Werte, die wir eigentlich geglaubt haben, dass sie sich auch in Russland entwickeln, und die sind nun wirklich ein ganz kleines Pflänzchen, was mühsam gegossen wird, von einer ganz kleinen Menschenrechtsbewegung unterstützt wird. Aber im Großen und Ganzen weder entwickelt, noch eigentlich richtig verstanden wird. Das Buch "Anna Politkowskaja. Chronik eines angekündigten Mordes" hilft Russland besser zu verstehen, denn man sollte versuchen, dieses Land mit dem Verstand zu begreifen - gerade wir Deutschen. Anna Politkowskaja antwortete in einem ihrer letzten Interviews auf die Frage, welche Erwartungen sie an den Deutschen Bundestag, an die Parlamentarier habe: Sehr, sehr oft kommen Mitglieder des Deutschen Bundestags in die Redaktion der Zeitung, zur "Nowaja Gaseta" zu uns, auf eigenen Wunsch, sie melden sich an, sie möchten mit uns ein Gespräch haben. Wir nehmen uns die Zeit, setzen uns hin, führen stundenlange Gespräche mit ihnen, erklären ihnen Russland von A bis Z, von vorne bis hinten, und was ist das Resultat? Es passiert nichts, rein gar nichts. Und sobald es um konkrete Fragen geht, so bald man anfängt zu fragen, könnten Sie irgendwie dazu beitragen, dass es Verhandlungen gibt oder dass es zu einem Treffen mit den Soldatenmüttern und Vertretern des tschetschenischen Widerstands kommt, fällt automatisch eine ablehnende Antwort. Das Buch endet mit einem sehr persönlichen Nachruf von Irina Scherbakowa und ihrer Hoffnung, dass Annas Tod diejenigen zum Nachdenken über das Schicksal des Landes bringen möge, die noch in der Lage seien, darüber nachzudenken.

Ihre Berichte aus Tschetschenien und ihre Kritik an Präsident Putin wurden Anna Politkowskaja zum Verhängnis. Im Oktober 2006 wurde die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin in Moskau ermordet. Zum Gedenken an die mutige Frau hat Norbert Schreiber zahlreiche Beiträge - Reportagen, Essays, Gespräche, Analysen und Würdigungen – zusammen getragen. Dieses Buch ist ein Mahnmal für eine mutige Frau, zugleich eine Klageschrift - ein Konvolut Texte von und über Anna Politkowskaja. 

Erinnern wir uns: Am 7. Oktober 2006, einem Samstag, kam die 48-jährige Journalistin und Mutter zweier Kinder nachmittags vom Einkauf heim in ihre Moskauer Mietskaserne. Zweimal fuhr sie mit Tüten hinauf in die Wohnung. Als sich die Lifttür das dritte Mal öffnete, fielen Schüsse. Viermal wurde sie getroffen, neben dem Herzen, in die Schulter, zum Schluss in den Kopf. Der Täter wollte wohl sicher gehen; er wurde bislang nicht gestellt.

"Chronik eines angekündigten Mordes". Der etwas reißerische, bei García Márquez entlehnte Titel des Buches trifft es nichtgenau, denn der Band leistet mehr und zugleich weniger als eine minutiös recherchierte Chronik. Er bündelt 16 Beiträge - Reportagen, Essays, Gespräche, Analysen, Würdigungen. Herausgeber Norbert Schreiber, Hörfunk-Redakteur in Hessen, versammelte Autorinnen und Autoren zu einer Gedenkrunde, deren Äußerungen den Leser emotional und intellektuell  berühren. Fritz Pleitgen, einst ARD-Korrespondent in Moskau, untersucht die Gleichgültigkeit der internationalen Politik, Rupert Neudeck ("Cap Anamur") die Bedingungen der Pressefreiheit in Krisenregionen. Historiker und Publizisten aus Russland und Deutschland beschreiben Moskaus Umgang mit dem Erbe der Diktatur, die Spielregeln einer "gelenkten Demokratie ohne Demokraten", das "coole Gespenst" des Nationalismus sowie die Wirkungskraft der Reporterin und Buchautorin Politkowskaja. Wegbegleiterinnen zeichnen ihr Porträt: "Sie ist hartnäckig, unbestechlich, gleichwohl diplomatisch, nicht utopisch." -"Schön war sie und beeindruckend, hatte ein ausdrucksvolles Gesicht und einen schwierigen Charakter." Putin wird zitiert, kommentarlos, weil er sich selbst kommentiert. Er würde alles tun, um die Täter ausfindig zu machen, versprach der Präsident in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" kurz nachdem Mord. Und setzte subtil diffamierend hinzu: "In der Tat war die Journalistin Politkowskaja eine Kritikerin der jetzigen Machtverhältnisse. Ihr politischer Einfluss im Lande war aber nicht sehr groß. Dieses schreckliche Verbrechen fügt Russland großen Schaden zu. Es schadet dem politischen System, das wir gerade aufbauen - ein System, in dem für jeden die Meinungsfreiheit garantiert ist, auch in den Massenmedien." Ausführlich kommt sie selbst zu Wort, Anna Politkowskaja, Opfer einer speziell russischen Art von Meinungsfreiheit. Wir lesen ihre letzten Artikel für die Moskauer "Neue Zeitung", die "Nowaja Gaseta", Artikel mit sprechenden Titeln: "Tschetschenien. Der Hass wird über die Ufer treten" oder "Ungenehmigte Trauer" (über den Polizeiterror gegen eine Manifestation zu Ehren der Toten von Beslan). Wir hören ihre nüchtern anklagende Stimme: "Die Personen aus meinem ersten Tschetschenien-Buch sind inzwischen alle tot. Sie haben nicht gekämpft, sie sind bei 'Ausweiskontrollen' oder ähnlichen Anlässen ums Leben gekommen." Sie ahnte, dass auch sie bald sterben würde. Wiederholt hatte sie Auftragsmorde in Russland beschrieben, ein paar von jenen fünf- oderachthundert Fällen jährlich. Sie erhielt Warnungen, war Opfer eines Giftanschlags. Was sie für sich selbst erwarte, fragte Norbert Schreiber, der Herausgeber dieses Buches, im Frühjahr 2005, sie, eine schmale Frau, bedroht vom russischen Staat..."Na ja", erwiderte Anna Politkowskaja, "ichversuche das auszublenden, weil ich sonst nicht arbeiten könnte." In einem anderen Interview wurde die Reporterin deutlicher, an uns gewandt, ihre deutschen Leser: "Die demokratischen Kräfte in Russland können nur auf Hilfe von außen hoffen - Hilfe, die zunächst einmal darin bestehen müsste, Putin nicht auch noch zu hofieren. In Ihrem Land kommt Putin gut an, weil er so gut Deutsch kann - bei uns sterben dafür Menschen!" 
 
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Stimmen zu Anna Politkowskaja und dem heutigen Russland

„Es beginnt damit, dass diejenigen, die die Wahrheit aussprechen oder schreiben, eingeschlossen und beseitigt werden. Ich hoffe, dass man diese ernsten Warnzeichen nicht übersieht, wie so oft im 20. Jahrhundert, sondern rechtzeitig und mutig den Systemen, die Mord als Werkzeug einsetzen, entgegentritt.”
Karl Fürst zu Schwarzenberg (Außenminister der Tschechischen Republik)

 „Die Nachricht von der Ermordung der russischen Schriftstellerin Anna Politkowskaja hat in vielen Ländern Entsetzen und Empörung ausgelöst. Der Schock sitzt bei diesen Menschen immer noch tief. Nur die Politik lässt sich nicht beeindrucken - weder von der Tat noch von der empörten Reaktion.”
Fritz Pleitgen

 „Jetzt hingegen, in einer Karikatur der Demokratie, haben wir den Eindruck, dass sich Russland in eine Wüste verwandelt hat. Und man muss etwas noch Schlimmeres hinzufügen: dass all dies mit einer gewissen heuchlerischen Komplizenschaft Europas und des ganzen Westens geschieht.”
Jorge Edwards 

„Deshalb herrschen in den russischen Medien - sieht man von einigen wenigen Zeitungen mit kleiner Auflage und einem Radiosender ab - Zynismus und Gleichgültigkeit, die an die Breschnew-Zeit erinnern. Doch die heutigen ‘bleiernen Zeiten’ unterscheiden sich von den früheren durch einen noch viel größeren Zynismus und auch dadurch, dass sich viele in ihnen sehr wohl fühlen.”
Irina Scherbakowa

 „Es sind Symptome des Niedergangs eines Systems, in dem Law and Order nur vorgekaukelt werden, in Wirklichkeit jedoch der Weg zu einer auf Rechtsstaat und demokratischen Verfahren beruhenden Ordnung systematisch verschüttet ist.”
Margareta Mommsen

 „Doch die äußerste Rechte will mehr als nur toleriert werden - sie will Russland für sich allein. Ihre einzige Waffe ist Mord. Politischer Mord.”
Andrei Nekrasov 

„Der Mord an Anna Politkowskaja hat damit zu tun, dass die russische Gesellschaft bisher zur umfassenden Form einer Aufarbeitung der russischen Vergangenheit, insbesondere der Gulags, nicht in der Lage war.”
Rupert Neudeck 

„Anna Politkowskaja schrieb in vielerlei Hinsicht für die Zukunft.”
Michail Ryklin
                 
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PUTIN HAT GEBURTSTAG

EIN ABEND FÜR ANNA POLITKOWSKAJA.

Am 7. Oktober 2007 jährte sich der Mord an der russischen Journalistin Anna Politkowskaja und das Hans Otto Theater POTSDAM möchten mit einem ihr gewidmeten Abend nicht nur ihre journalistische Arbeit und ihren Mut ehren, sondern auch mahnen, denn: „Wenn erst der letzte mutige russische Journalist tot ist, wird der Mörder mit der dunklen Baseballkappe auch zu den west-europäischen Publizisten kommen.“ Mainat Abdullajewa

Die Regisseurin Petra Luisa Meyer hat auf den Schriften von Anna Politkowskaja und anderen Quellen basierend (u. a. das Buch von Norbert Schreiber „Anna Politkowskaja.Chronik eines angekündigten Mordes. Wieser Verlag) ein Stück geschrieben, das nicht nur die Verbrechen in Beslan und den Tschetschenienkrieg zum Thema hat, sondern auch auf die Gefahren des Wegschauens der Demokratien, insbesondere auch Deutschlands, hinweist.Die Inszenierung ist ein Plädoyer für die Presse- und Meinungsfreiheit, ohne die ein Land keine Demokratie ist.

„Ich bekomme oft zu hören: Du bist eine Pessimistin, du glaubst nicht an die Kraft des Volkes, du bist eine Putin-Gegnerin und siehst nichts mehr. Ich sehe alles. Das ist gerade das Problem. Das Gute wie das Schlechte. Dass die Leute das Leben zum Guten verändern wollen – und dass sie dazu nicht imstande sind, und um sich in ihren eigenen Augen aufzuwerten, verharren sie in der Lüge: indem sie sich hinter der Betrachtung des Positiven verstecken und dem Beiseitewischen des Negativen – als gäbe es das nicht.“ Anna Politkowskaja.

Zum Stück

7. Oktober 2007: Putin hat Geburtstag und der soll gefeiert werden. Wo? In Deutschland, unter Freunden und Geschäftspartnern, die Geburtstagstorte stiftet Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder. Für ihn ist das Geburtstagskind ein „lupenreiner Demokrat“, Kalter Krieg und KGB nicht weiter zu erwähnende Vergangenheit. Präsident Wladimir Putin arbeitet hart am Aufbau der demokratischen Gesellschaft und Marktwirtschaft, wobei das enorme Erdgasaufkommen ein besonders guter russischer Kuchen ist, von dem soviel wie möglich geschlemmt werden soll. Dass bei Putin Demokratie einhergeht mit der Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit, Krieg in Tschetschenien als Machtkonsolidierung nicht der Rede Wert ist und der staatlich gelenkte Megakonzern Gazprom fern jeder Marktwirtschaft liegt, ist Realität im heutigen Russland. Anna Politkowskaja benannte unablässig diese Realität und musste für ihren Mut mit dem Tod bezahlen. Petra Luisa Meyer erzählt in ihrem Stück nicht nur von Putins Geburtstag, sondern auch von ungeladenen Gästen, von Anna Politkowskaja, einem russischen Soldaten, einer Mutter und einer Großmutter aus Beslan, die das traute Miteinander stören. Fiktion? Es könnte Realität sein.

Die Premiere "Putin hat Geburtstag. Ein Abend für Anna Politkowskaja" findet am 7. Oktober 2007, um 18:00 Uhr im Neuen Haus des Hans Otto Theaters statt.

Produktionsteam

Regie und Buch // Petra Luisa Meyer

Bühne und Kostüme // Matthias Schaller

Dramaturgie // Anne-Sylvie König

Besetzung

Rita Feldmeier // Anna Politkowskaja

Andreas Herrmann // Wladimir Putin

Roland Kuchenbuch // Gerhard Schröder

Tobias Rott // Journalist

Alexander Weichbrodt // Russischer Soldat

Carmen-Maja Antoni (Gast) // Großmutter aus Beslan

Jennipher Antoni // Mutter aus Beslan

// Im Anschluss an die Vorstellung (20:00 Uhr) diskutieren Dirk Sager und Norbert Schreiber.

 
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